Der Mann, der auf dem Bild (siehe „Bild der Woche“ auf Seite 8) neben dem Zelt kniet, hat eine Aufenthaltsgenehmigung und eine Arbeit. Er ist Kurde, ein Flüchtling aus dem Irak. Er lebt in Bozen unter einer Brücke, weil er keine bezahlbare Wohnung findet. Er arbeitet in der Nacht als Putzmann. Am 23. Oktober erhielt er in der Früh einen Anruf: Du, die räumen deine Sachen weg.
Fährt man in Bozen auf dem Radweg den Eisack entlang nach Norden, kann man sie manchmal sehen: die Männer und Frauen, die unter der Brücke liegen, die gegenüber dem Cineplexx über den Eisack führt. Es ist, wenn man so will, die Rückseite des schönen Scheins.
Als der Mann zu seinem kleinen Zelt kam, aufgebockt auf einer Palette aus Holz, lagen seine Habseligkeiten auf einem Haufen. Höflich, bestätigt ein Augenzeuge, seien die Stadtpolizisten nicht gerade gewesen, die das Camp kontrollierten. Die Männer von der Müllabfuhr wiederum sammelten Abfälle ein, andere sägten das Gebüsch ab, das die Obdachlosen vor neugierigen Blicken geschützt hatte. Sogar ein Bagger war aufgefahren.
Wozu das alles? Um Menschen zu vertreiben, die kein Dach über dem Kopf haben. Das ist die traurige Antwort.
Die Müllmänner sind dabei nicht immer zimperlich: Decken landen schon einmal im Müll. Decken sind überlebenswichtig für Menschen, die auf der Straße leben, gerade wenn es kalt wird. Juri Andriollo, der Bozner Stadtrat für Kultur und Soziales, beschönigte am Tag danach (ein gutes Beispiel für die schleichende Leghisierung des Partito Democratico): Es habe sich nur um eine Erhebung gehandelt, um festzustellen, wie viele Schlafplätze es für Obdachlose braucht. Das ist entweder die Aktion schön geredet oder blanker Zynismus.
Menschen leben nicht freiwillig auf der Straße. In ihrem Leben gab es eine Abzweigung, die sie verpasst haben, oder eine Kurve, aus der es sie hinausgetragen hat. Die meisten jedoch, sagen die Sozialarbeiter, leben unter Brücken, weil sie keine Wohnung finden. Weil wir, das reiche Land, nicht imstande sind, ihnen eine Unterkunft zur Verfügung zu stellen.
Sie sollen für uns den Dreck wegräumen, aber im Dreck leben, unter der Brücke, versteckt im Gebüsch. Und wenn es uns passt, dringen wir einfach in ihr „Zuhause“ ein.
Geht es um Sicherheit, ist der Einsatz groß. Geht es um Soziales, ist er klein. Das belegt die jüngste Anschaffung der Gemeinde Bozen: 20 Kameras für gut 400.000 Euro – sie werden jetzt auch die Menschen unter der Brücke ausspionieren. Geld für Toiletten für Obdachlose gibt es nicht, auch nicht ein Schließfach, wo sie ihre Habseligkeiten in Sicherheit bringen könnten – auch vor der Gemeindepolizei. Aber natürlich: Soziale Arbeit sieht man nicht, ein Trupp Carabinieri im Abenddunkel, begleitet vom Knattern eines Hubschraubers, der den Bahnhofpark ausleuchtet, ist eine große Show.
Man kann es nicht oft genug wiederholen: Nicht der Aufmarsch der Polizei oder der Müllmänner löst soziale Probleme, sondern soziale Arbeit. Wer ins Soziale investiert, löst Probleme, wer Menschen unterdrückt, verschärft sie. Was will die öffentliche Hand? Die Menschen von der Straße holen oder sie so weit aus der Stadt hinaustreiben, dass die Probleme unsichtbar werden, aber nicht verschwinden? Und sich so aufschaukeln.
Im Bahnhofpark wird demnächst das Riesenrad aufgebaut. Und dann ein Einkaufszentrum gebaut. Ausgegrenzte Menschen haben dort keinen Platz mehr. Sie müssen unsichtbar gemacht werden, sie stören uns, während wir unseren Wohlstand zur Schau tragen.
Eine Gesellschaft wie die unsere muss den Anblick von Bettlern und Obdachlosen ertragen. Sie kommen aus unserer Mitte, wir sind es, die sie geschaffen haben.