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Einwanderungsland Südtirol
Der Migrationsreport der Europäischen Akademie redet Klartext – auf wissenschaftlicher Basis. Und kritisiert deutlich die Politik.
Georg Mair | 23. Sep 2020 | ff 39/2020
Menschen auf der Flucht am Bahnhof Bozen 2015: „Defensive Haltung“.

Foto: Alexander Alber

Als die Forscherinnen und Forscher der Europäischen Akademie den Migrationsbericht vorgestellt hatten, erhielten sie eine E-Mail. „Ich bin“, so hieß es darin, „ein überzeugter Alltagsrassist.“ Und die Freiheitlichen kritisierten die „linke“ Eurac. „Mit solchen Reaktionen“, sagt Johanna Mitterhofer, eine der Koordinatorinnen des Berichts, „haben wir gerechnet.“ Wissenschaft, sagt sie, habe auch eine gesellschaftliche Verantwortung.

Der Bericht kommt zu einer Zeit, in der Covid-19 das beherrschende Thema ist, auch wenn jeden Tag Flüchtlingsboote auf Lampedusa landen und auf der griechischen Insel Lesbos das Flüchtlingslager Moria brennt. In der die Wahlprogramme (siehe Bozen) viel von Sicherheit reden und wenig von Integration. Oder Inklusion, wie es neuerdings heißt.

Die Forscher der Eurac, sagt Mitterhofer, hätten viel über die Schlussfolgerungen aus den gesammelten Daten diskutiert. Über eines sei man sich immer einig gewesen: Dass Migration nicht bedrohlich ist – „das geben die Daten nicht her.“ In der Debatte um Migration zählten Emotionen und Wahrnehmungen oft mehr als Wissenschaft und Fakten. „Ängste werden geschürt“, sagt Mitterhofer.

In Südtirol ist die Lage noch komplexer als anderswo. Migranten, so die Befürchtung, veränderten die Zusammensetzung der Sprachgruppen (etwa indem Migranten sich der italienischen Sprachgruppe zugehörig erklärten). Doch nicht überall in Minderheitenregionen herrscht diese Furcht. In Katalonien und Schottland versuchen die Befürworter einer Unabhängigkeit Migranten für ihre Sache zu gewinnen.

Der Bericht (gut 100 Seiten dick) geht davon aus, dass „das Ungewöhnliche eher die Sesshaftigkeit“ ist: „Wir alle stammen von wandernden Völkern ab.“

„Migrant ist jemand“, so die gängige Definition, „der eine internationale Grenze überschritten oder innerhalb des Landes seinen gewöhnlichen Aufenthaltsort verlassen hat.“ In Südtirol leben heute gut 50.000 Ausländer – die Mehrheit aus der Europäischen Union, die größte Gruppe aus Albanien. Gut 20.000 Moslems, 100 Sprachen, viele Mythen, die im Bericht widerlegt werden: So gingen 2018 286 der verfügbaren Sozialwohnungen an EU-Bürger und nur 40 an Nicht-EU-Bürger. Südtirol braucht Arbeitskräfte, doch ein Einwanderungsland will es nicht wirklich sein.

Was sind nun die Brennpunkte in Südtirol, wenn es um Migration geht? Wohnen, Schule, Kontakte, eine Regierung, die den immigrations-feindlichen Parteien hinterherrennt. Es gelte also, so der Bericht, mehr Sozialwohnungen zu bauen, die Vielfalt in den Schulen aufzuwerten (auch durch das Erlernen der Sprachen der Einwanderer) und die politische Teilhabe (Wahlrecht) zu fördern, Kontaktmöglichkeiten zu schaffen. Der Bericht kritisiert unmissverständlich die Politik: Sie schwanke zwischen dem Ansatz „Nicht in meinem Hinterhof und einer defensiven Herangehensweise“. Das verstärke das „Gefühl der Absonderung und Diskriminierung in der ausländischen Wohnbevölkerung“

Zwei Dinge seien wichtig, wenn es um Migration gehe, sagt Johanna Mitterhofer: zu begreifen, dass wir schnell etwas tun müssen, und dass das Thema alle angehe, Wirtschaft, Kultur und Bildung. „Wie kann, ist die Frage, Südtirol so gestaltet werden, dass jeder seinen Platz hat?“