Johanna Mitterhofer setzt sich für gleichgeschlechtliche Paare ein, die ein Kind haben oder wollen. Die Forscherin an der Eurac ist die Sprecherin der Regenbogenfamilien in Südtirol und im Trentino – sie und ihre Frau sind Mütter eines Buben. Die Rechte dieser Familien werden gerade wieder infrage gestellt. Indem man etwa ihr Symbol attackiert, die Regenbogenfahne.
Landesrat Marco Galateo (Fratelli d’Italia) will sich nicht mit der Fahne sejen lassen, der Bozner Gemeinderat Diego -Salvadori verlangt in einem Facebook-Post, die Fahne abzuhängen, und zitiert dabei den nationalsozialistischen Propagandaminister Joseph Goebbels. Und schwulen Paaren, die eine Leihmutter in Anspruch nehmen, um ein Kind zu bekommen, droht Gefängnis. Was ist da los?
ff: Wo hängt bei Ihnen die Regenbogenfahne?
Johanna Mitterhofer: Nicht vor dem Haus momentan, im Haus gibt es Regenbogenaufkleber oder Regenbogenarmbänder, eine kleine Regenbogenfahne hängt im Zimmer von unserem Kind.
Hängt die Regenbogenfahne sonst vor dem Haus?
Eine kleine steckt manchmal in einem Blumenbeet. Ihre Frage erinnert mich an einen Aufenthalt in den USA, an ein Haus mit Regenbogenfahne, in dem zwei ältere Frauen mit schon größeren Kindern lebten. Es wäre doch schön, habe ich damals gedacht, mit meiner Frau und Kindern in so einem Haus zu wohnen. Andererseits bin ich keine große Anhängerin von Symbolen wie einer Fahne, ich würde auch keine Südtiroler oder italienische Fahne vors Haus hängen. Eine Fahne fixiert eine Identität – der Regenbogen ist nur ein Teil davon.
Was symbolisiert der Regenbogen?
Gemeinschaft mit Menschen, die ähnlich lieben und denken wie ich, die etwas teilen mit mir. Er steht für Vielfalt und Offenheit.
Was teilen diese Menschen?
Wenn eine Frau mit einer Frau oder ein Mann mit einem Mann lebt, heißt das nicht, dass alle ähnlich denken, nicht alle queeren Menschen sind gleich. Aber man teilt, dass man außerhalb der Norm lebt, eine Beziehung hat, die anders ist, nicht den Erwartungen entspricht. Sich dessen bewusst zu werden, dass man anders ist, ist für viele ein schwieriger Weg.
Wie war für Sie der Weg?
Einfach. Bis ich an der Uni war, war ich eigentlich nie verliebt, es hat also kein jugendliches Coming-out gegeben, keine schwierige Zeit, in der ich mir eingestehen musste, ich bin in eine Frau verliebt.
Wo haben Sie da gelebt?
Ich habe in England studiert, war umgeben von queeren Menschen, für die es normal war, dass eine Frau eine Frau liebt oder ein Mann einen Mann. Mir war nicht einmal bewusst, dass ich in meine Frau verliebt bin, bis sie mir gesagt hat, ich bin in dich verliebt. Mein Coming-out hat eine Minute gedauert, es war kein jahrelanges Zweifeln. Ich war schon erwachsen, ich wusste, wer ich bin, ich habe nicht in Südtirol gelebt, was ein Coming-out sicher leichter macht. An der Uni, in einer größeren Stadt, ist man anonymer, nicht dem Gerede ausgesetzt.
Ihre Familie besteht aus Ihnen, Ihrer Frau, Ihrem Kind. Wie ist das Kind in die Familie gekommen?
Es war der Gedanke da, es wäre schön, ein Kind zu haben. Es hat gedauert, bis der Gedanke Wirklichkeit geworden ist. Es braucht eine bewusste Entscheidung, Planung und Geld.
Was war Ihr Weg?
Eine künstliche Befruchtung. Und wie viele Regenbogenfamilien in Südtirol und Italien sind wir dafür ins Ausland gegangen, weil eine künstliche Befruchtung für gleichgeschlechtliche Paare in Italien nicht erlaubt ist. Deshalb haben wir uns an eine Kinderwunschklinik in Innsbruck gewandt. Nach anderthalb Jahren ist unser Kind auf die Welt gekommen. Viele andere Familien gehen nach Spanien. Wir hatten gedacht, wir müssten nach Dänemark, bis uns unsere Frauenärztin aufgeklärt hat, dass eine künstliche Befruchtung für lesbische Paare auch in Österreich möglich ist. Das Kind ist jetzt sieben Jahre alt.
Auf welche Schwierigkeiten sind Sie getroffen?
Wenn gleichgeschlechtliche Paare ein Kind wollen, ist immer die Frage, wie die Entscheidung von den Familien aufgenommen wird. Wir haben das Glück, dass die Familien hinter uns stehen. Aber mit der Schwangerschaft war die Sorge verbunden, was danach kommt, wie etwa die Gemeinde damit umgeht. Denn es hängt oft vom Bürgermeister oder vom Standesbeamten ab, ob beide Mütter in die Geburtsurkunde eingetragen werden. Was tun, haben wir uns überlegt, wenn nicht? Gehen wir ins Ausland, um das Kind zu bekommen, verlegen wir den Wohnsitz zeitweise in ein anderes Land, damit das Kind sicher zwei Eltern hat? Wir hatten Glück, der Bürgermeister in unserer Gemeinde hat auch mich als nichtbiologische Mama anerkannt.
Wie hat die Umgebung reagiert?
Diskriminierung im Alltag haben wir nie erfahren, es ist uns nie etwas Negatives ins Gesicht gesagt worden. Frauen haben es in diesem Zusammenhang sicher einfacher als zwei Papas mit Kind. Wir hören immer wieder: Was für ein Glück, dass das Kind zwei Mamas hat, Frauen kriegen ja von Natur aus Kinder.
Was sagt das Kind?
Ich habe erst kürzlich mit ihm darüber geredet, weil er bei einer Veranstaltung gefragt worden ist, wie es ihm geht mit zwei Mamas. Er hat geantwortet: Wie soll es mir gehen, ich habe zwei Mamas, das ist so. Wird ein Kind von heterosexuellen Eltern gefragt, wie es ihm damit geht, dass es eine Mama und einen Papa hat? Nein. Für ihn ist das so normal, dass ihm solche Fragen absurd vorkommen. Manchmal passiert es, dass ihn Kinder im Kindergarten nach dem Papa gefragt oder gesagt haben, dein Papa ist wohl gestorben. Er sagt dann, dass auch zwei Mamas ein Kind haben können. Wir haben ihm von klein auf erklärt, wie er entstanden ist, dass wir einen Samen gekauft haben und der Samen eingepflanzt worden ist. Es war uns wichtig, mit ihm offen zu reden, es ist wichtig, dass er sich nicht schämt, dass er weiß, wer seine Familie ist, gerade jetzt, wo er in die Schule kommt.
Es gibt Leute, wie Landesrat Marco Galateo von den Fratelli d’Italia, die nicht mit der Regenbogenfahne auftreten wollen. Was würden Sie ihm sagen, würde er das Gespräch mit Ihnen suchen?
Ich würde ihn fragen, was für eine politische Strategie verfolgen Sie? Es ist ja so simpel, das Symbol einer Minderheit herzunehmen und damit Aufsehen zu erregen. Sei es nun, indem man es verbrennt wie JWA oder abhängen will oder lässt wie Marco Galateo. Man redet den Leuten ein, dass Schwule und Lesben die Weltherrschaft übernehmen, dass man nicht einmal mehr heterosexuell sein darf. Ich würde also Galateo fragen: Was stört Sie wirklich,
wie beeinflusst die Regenbogenfahne Ihr Leben? Die Aufregung darüber zeigt aber, dass es die öffentliche Debatte über die Rechte der LBGTQIA+-Bewegung immer noch dringend braucht.
Was für Denken verbirgt sich hinter der Ablehnung der Fahne?
Unsicherheit, was das bedeutet, Angst vor Unbekanntem. Oft wird die Regenbogenfahne mit linker Politik oder linkem Denken gleichgesetzt, doch unter queeren Menschen gibt es auch Menschen, die rechts wählen oder patriotisch sind, die neben der Regenbogenfahne die Tiroler Fahne vors Haus hängen. Oft scheint es mir so zu sein, dass schwul oder lesbisch sein im privaten Kreis kein Problem ist, aber nach außen hin muss man eine andere Politik vertreten, weil man gewisse Wählerschichten zufrieden stellen, Stimmen gewinnen will. Viel ist politisches Kalkül. Minderheiten sind ein leichtes Ziel.
Diego Salvadori, Gemeinderat von Fratelli d’Italia in Bozen, hat auf Facebook geschrieben, die Regenbogenfahne spalte – darunter ein Zitat von Joseph Goebbels, Hitlers Propagandaminister. Was passiert da gerade?
Für queere Menschen, die in einer Phase der Unsicherheit leben, etwa gerade das Coming-out hinter sich haben, können solche und andere Angriffe gefährlich sein, sie können Existenzen zerstören. Das ist Hetze. Das kann mehr als nur verletzend sein. Mich nervt es, ich ärgere mich, es weckt meinen Aktivismus, aber ich kann damit umgehen. In den vergangenen Jahren ist die Situation nicht besser geworden.
Was ist schlechter geworden?
Viele Aussagen, die früher vielleicht jemand nur im stillen Kämmerchen getätigt hat, sind salonfähig geworden, auch im Landtag oder im Parlament. Man wundert sich in der Öffentlichkeit kaum mehr, wenn ein Politiker bestimmte Aussagen macht. Wie die Aussage, es gibt keine Regenbogenfamilien, weil es kein Kind gibt, das keinen Papa hat. Oder die Aussagen, schwule Väter seien pädophil, sie würden sich die Kinder kaufen. -Diesen Familien wird die Existenzberechtigung abgesprochen.
Das hat …
… zu tun mit dem Rechtsruck in der Gesellschaft. Für populistische rechte Parteien sind Minderheiten ein willkommenes Ziel, um Stimmung zu machen.
Wie halten Sie das aus?
Ich gehe damit um, indem ich aktiv werde. Das Verfassungsgericht hat kürzlich entschieden, dass zwei Mamas als Eltern von der Gemeinde anerkannt werden müssen. Alle haben sich gefreut, aber es gibt jetzt immer wieder Gemeinden, die sagen, wir wissen nicht, wie wir damit umgehen, welche Formulare wir ausfüllen sollen, wir warten noch auf Anweisungen des Ministeriums. Das sind noch keine homophoben Äußerungen, aber das gibt es doch nicht, denke ich mir, dass das Verfassungsgericht eine Entscheidung trifft und manche Beamten sich sträuben, das Urteil umzusetzen. Eben weil es um uns Regenbogenfamilien geht. Das macht mich wütend. Ich versuche aufzuklären, ohne gleich mit dem Anwalt zu drohen. Manchmal schütze ich mich, indem ich gewisse Sachen meide.
Wie ist die rechtliche Lage von Regenbogenfamilien?
Für die Mamas hat sich durch das Urteil des Verfassungs-gerichts die Situation stark verbessert, für die Mütter, die das Kind durch künstliche Befruchtung im Ausland bekommen und das Kind in Italien geboren haben. Sie müssten jetzt wie alle anderen Eltern behandelt werden, die Gemeinde müsste beide Mütter in die Geburtsurkunde eintragen. Für Frauen, die andere Wege verfolgt haben wie Heiminsemination, die sich also selbst befruchtet haben, mit Samen aus einer Samenbank oder von einem Bekannten, ist die Situation immer noch nicht geregelt.
Und für zwei Männer mit Kind?
Hat sich alles verschlechtert. Mit dem Gesetz, das eine Leihmutterschaft kriminalisiert. Was für konkrete Folgen das Gesetz hat, wissen wir nicht, weil es die ersten Fälle von homosexuellen Paaren, die ein Kind haben austragen lassen, erst im Herbst geben wird. Das ist jetzt eine Straftat und theoretisch drohen Gefängnis und eine Geldstrafe bis zu zwei Millionen Euro. Das erzeugt Unsicherheit und Angst. Schwule Paare können also weder ein Kind adoptieren noch eine Leihmutterschaft in Anspruch nehmen.
Mit welchen Anliegen kommen die Leute zu Ihnen?
Es geht oft darum, was man als lesbisches oder schwules Paar tun kann, um Kinder zu bekommen. Und es gibt viele rechtliche Fragen: Was passiert, wenn das Kind auf der Welt ist? Dann geht es um soziale Kontakte, den Kindern zu zeigen, dass es auch andere Familien mit zwei Mamas oder Papas gibt, dass diese Familien anders sind, aber normal wie andere Familien auch. Es geht auch um kleinere Sachen, etwa, was auf der Identitätskarte steht. Gewisse Gemeinden schaffen das, zwei Mal Mutter auf den Ausweis zu schreiben, andere haben Schwierigkeiten damit. Beamte könnten viel tun, wenn sie nur wollen.
Woher nehmen Sie die Courage, immer wieder aktiv zu werden?
Es sind die Kinder. Wir investieren unsere Energien, damit die Kinder die Rechte bekommen, die ihnen zustehen. Daraus kommt die Kraft. Als alleinstehende Person oder als Paar würde man vielleicht viel öfter sagen: Lass es sein. Aber wenn die Kinder da sind, will man dem Kind zeigen, dass man Ungerechtigkeiten nicht auf sich beruhen lässt, dass man für seine Rechte einsteht. Wenn ich früher keine Lust hatte zu sagen, dass ich mit einer Frau zusammen bin, habe ich es nicht gesagt, jetzt, wenn das Kind neben mir steht, kann ich nicht mehr lügen, dann muss ich sagen, es hat zwei Mamas. Und solange Regenbogenfahnen in der Öffentlichkeit ein Problem sind, braucht es Menschen, die eine andere Perspektive aufzeigen.
Wie freundlich ist Südtirol gegenüber queeren Menschen?
Ich selbst habe nie schlechte Erfahrungen gemacht, im Gegensatz zu vielen anderen Menschen. Aber allgemein ist Südtirol sehr konservativ und es zählt viel, wer du bist, wie du ausschaust, wie du dich gibst, was du tust. Man schaut, was die anderen tun, man kennt sich, es gibt ein dichtes Beziehungsgeflecht. Du wirst klar zugeordnet. Da ist es schwierig, nicht in der Norm zu sei. Und ein Problem ist: Wie lernst du als queere Person eine andere queere Person kennen?
Wo haben Sie Ihre Frau kennengelernt?
Auf einer internationalen Oberschule. Wir waren lange Zeit beste Freundinnen und sind irgendwann ein Paar geworden.
Sie forschen an der Eurac viel über Grenzen und Identität, …
… irgendwie vermischen sich privates und berufliches Interesse an Minderheiten.
Was interessiert Sie daran?
Es ist einerseits ein aktivistischer Impuls. Ich will eine Situation schaffen, in der alle an der Gesellschaft teilhaben, wie sie es sich vorstellen, egal, wie sie sind und wer sie sind. Ich verstehe Gesellschaft als divers und plural, und eine Gesellschaft, die lebenswert ist, muss Vielfalt zulassen, sonst sind gewisse Menschen ausgeschlossen. Vielfalt ist meistens ein Mehrwert, Minderheiten sind interessant, weil sie die Welt anders sehen, Sachen infrage stellen, die für die Mehrheit selbstverständlich sind.
Ist das nicht der Punkt, der viele Menschen irritiert?
Klar, das irritiert und wird von vielen als Bedrohung wahrgenommen. Wir als Forscherinnen versuchen zu zeigen, warum es keine Bedrohung ist, sondern eine Bereicherung.
Im Moment werden wieder viele Errungenschaften rückabgewickelt.
Ja, das ist so. Bei Frauenrechten, bei Migration. Wir gehen rückwärts. Durch Gesetze, die Rechte wieder beschneiden, in der alltäglichen Diskussion. Es ist in den vergangenen fünf Jahren bestimmt nicht besser geworden für soziale Minderheiten.
Das Land Südtirol hisst die Regenbogenfahne. Ist das Symbolpolitik oder hat es praktische Folgen?
Symbolpolitik ist auch wichtig, es gibt Menschen Sicherheit und das Gefühl, wahrgenommen zu werden. Es gibt in Südtirol viele Politikerinnen und Politiker, die uns unterstützen, die Regenbogenfamilien stützen. Aber dann gibt es fast keine Reaktionen auf Landesrat Galateo, der im Pressesaal der Landesregierung die Regenbogenfahne nicht sehen will – und darauf, dass diese dann verschwindet, wenn er da ist. Reicht die Solidarität mit uns nur, solange es einfach ist, und wenn es komplizierter wird und es Kritik gibt, macht man schnell ein paar Schritte zurück? Auf nationaler Ebene sind viele Gelder gestrichen worden für Vereine und Projekte, die mit queeren Themen zu tun haben, etwa für Schulunterricht oder Sexualpädagogik. Auch in Südtirol wird diesbezüglich nur punktuell investiert. Also: Eine Regenbogenfahne hinauszuhängen, ist ein wichtiges Zeichen, aber nicht genug.
Was wäre zu tun?
Es braucht Gesetze, die die Existenz von queeren Menschen unterschiedlichster Art anerkennen und ermöglichen. Dass Familien, egal welcher Art, anerkannt werden. Dass es für queere Menschen nicht nur die „Unioni civili“ gibt,
sondern auch die Ehe für alle. Dass man eben Minderheiten das Leben nicht noch schwerer macht.
Johanna Mitterhofer,Jahrgang 1986, ist in Innichen aufgewachsen, hat in Bruneck drei Jahre das Sprachengymnasium besucht und danach zwei Jahre die Internationale Schule in Duino. „Ich wollte weg aus Südtirol, aus diesem homogenen Umfeld“, sagt sie, „die internationale Schule war offen und liberal.“ Danach geht sie für ein paar Monate nach Indien und dann nach Cambridge für ein Studium der Ethnologie und Sozialanthropologie. Mitterhofer arbeitet danach ein Jahr in England, macht einen Master, geht nach Amerika. Und forscht jetzt an der Eurac in Bozen zu Themen wie Migration und Inklusion und arbeitet an einem internationalen Forschungsprojekt über Grenzen mit: Was denken Bewohner von Grenzgebieten über Europa und Grenzen? Sie ist die Sprecherin der „Famiglie arcobaleno“ in Trentino und Südtirol, von lesbischen und schwulen Paaren mit Kindern.


