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Weihnachten ohne Frieden: „Waffen? Ruhe“
Anton Rainer | 20. Dez 2023 | ff 51/2023

Vor einigen Wochen war ich mal wieder in der Kirche. Dorthin getrieben hatte mich die Veranstaltung eines Hamburger Journalisten: Es sollte um „Frieden“ gehen, so die Plakate, die in der ganzen Stadt hingen, doch der Mann hinterm Ambo ist in den vergangenen Jahren nicht gerade als Friedensstifter aufgefallen – sondern als Diktatorenfreund. Er tingelte durch die Ostukraine, wo man ihn als „Wahlbeobachter“ empfing, er verlor Lehraufträge wegen Putin-Nähe und schwärmte von der russischen Macht, deren Stärke sich im dortigen Gemüse zeige.

Ich ging also mit gehörig Empörungsvorlauf in die Kirche. Doch als ich im Publikum saß, zwischen 60- und 70-Jährigen, bei Friedenstauben und „Stoppt-Waffenexporte!-Transparenten, konnte ich nicht mehr böse sein. Wonach sollte ich diesen Abend bewerten? Nach dem Blödsinn, der am Altar erzählt wurde? Oder nach der Sehnsucht hier unten, nach dem berechtigten Wunsch, dass die Waffen endlich ruhen? „Was können wir tun“, fragte eine Dame, „damit man uns versteht?“

Die Friedensbewegung hatte es nicht leicht im vergangenen Jahr, man nannte sie naiv im besten Fall, oder Verräter im schlimmsten. Nun feiern wir Weihnachten, während die Welt brennt und all die Rüstungsexperten, die wir in unsere Talkshows holten, haben uns auch keinen Frieden gebracht. Wie also geht es weiter?

Vorweg: Ich glaube nicht, dass die Welt eine bessere wäre, wenn der Westen angegriffene Staaten alleine ließe. Aber ich glaube fest daran, dass Frieden erst möglich ist, wenn Menschen von ihm sprechen, an ihn denken. Man sollte den Krieg nicht jenen überlassen, die ihren Wehrdienst in den Stol-Kommentarspalten abgeleistet haben. Und auch nicht denen, die für Lichtshows mit „Peace“-Zitaten 13 Euro verlangen (Looking at you, Brixner Weihnachtsmarkt).

Ist es nicht gut, wenn es in dieser Zeit Menschen gibt, die daran erinnern, dass jeder erschossene Mensch einer zu viel ist? Ich weiß es nicht. Ein 60-Jähriger, der ein Plakat schwenkt, löst vielleicht keine Probleme. Aber im Gegensatz zu einer Rakete schafft er auch keine neuen.

von Anton Rainer | Stellvertretender Leiter des Ressorts Kultur beim Spiegel in Hamburg