2022 hatte ja starke Dschungelprüfung-Vibes. Immer wenn man glaubte, es ginge nicht schlimmer, klatschte es uns etwas noch Widerlicheres auf den Teller. Mit Hängen und Würgen haben wir es jetzt zu den Weihnachtsfeiertagen geschafft, wobei der Dezember unter dem Motto „Temperatur-Roulette“ zu stehen scheint: beheizte Glühweinstände und Menschen, die vor unserer Haustür einfach mal so erfrieren, Sauna-Feeling in öffentlichen Gebäuden und klamme Schlafgemächer zu Hause, weil diese sturen Ukrainer ja immer noch nicht nachgeben wollen. Die für den Südtiroler Qualitätstourismus unentbehrlichen Wellnesshotels laufen mitnichten auf Sparflamme, und in der Wüste wurden für die Fußball-Weltmeisterschaft ganz nachhaltig Wegwerfstadien gebaut und auf Gefrierfachtemperatur heruntergekühlt.
Das Allerwiderlichste aber ist eine andere Art von Kälte, die sich breitmacht. „Der soziale Zusammenhalt bröckelt“, konstatierte die Soziologin Barbara Rothmüller bereits im Januar 2022 im Spiegel-Interview. Was das genau bedeutet, konnten wir in den vergangenen zwölf Monaten anschaulich miterleben. Pandemie, Krieg, der Zerfall von Werten, Kultur und Bildung, das alles führte zu einer schleichenden emotionalen Verrohung, die mit schrecklich unoriginellen Ausreden und meist holprigen Rechtfertigungsversuchen einherging.
Aber wenn es einem selbst an den Kragen geht und Seuchen und Krieg nicht mehr weit weg, sondern in greifbarer Nähe sind, wird Empathie zu einem Luxus, den wir uns unbedingt leisten sollten.
von Bettina Conci | Übersetzt, dolmetscht und schreibt Kolumnen, Kurzgeschichten, Kindgerechtes