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Leitartikel
Hinschauen statt wegschauen!
Der Landtag hat ein neues Gesetz zur Gewalt gegen Frauen verabschiedet – gut so! Doch die Politik allein kann das Problem nicht lösen.

Foto: FF Media

Der gefährlichste Mann im Leben einer Frau lungert nicht nachts in den Straßen herum. Es ist auch nicht der, der sie bei der Arbeit bedrängt. Der gefährlichste Mann im Leben einer Frau ist ihr Partner – ihr Ehemann, ihr Freund, ihr Ex-Freund. Die Täter, das hat jüngst eine Erhebung des Landesstatistikinstituts Astat ergeben, stammen zu 95 Prozent aus dem Kreis der Familie. In mehr als der Hälfte der Fälle ist es der Partner.

Das ist eine erschütternde Erkenntnis.

In Südtirol haben Männer in den letzten 30 Jahren 26 Frauen getötet – die Männer stammten alle aus dem Umfeld der Ermordeten. Allein von Januar 2020 bis März 2021 starben vier Frauen durch die Hand von Männern!

So viele?

Ja, so viele. Bei häuslicher Gewalt ist außerdem von einer hohen Dunkelziffer auszugehen. Viele Frauen haben Angst zu berichten, was ihnen widerfahren ist. Sie schämen sich oder fühlen sich gar schuldig.

Gewalt an Frauen ist kein Privatproblem – auch wenn sie meist hinter verschlossenen Türen stattfindet. Sie geht alle an. Eine Besserung wird es erst geben, wenn das auch eingesehen wird.

Der Südtiroler Landtag hat vergangene Woche den Tatbestand der Gewalt gegen Frauen mit einem Gesetz anerkannt. Es war ein historischer Moment. Das Landesgesetz Nr. 94/21 ist ein sehr konkretes Gesetz. Es handelt von „Maßnahmen zur Prävention und Bekämpfung geschlechtsspezifischer Gewalt und zur Unterstützung von Frauen und ihren Kindern“. Es wurde auf Basis der Istanbuler Konvention geschrieben, die dieses Jahr ihren 10. Jahrestag hat. Die Konvention erschöpft sich nicht in der Formulierung hehrer Ziele und guter Absichten, sondern verpflichtet die Mitgliedstaaten, ihre Gesetze so zu ändern, dass Frauen besser geschützt werden.

Dieses neue Landesgesetz ist ein gutes Gesetz. Es ist gewiss in einigen Bereichen verbesserungswürdig, aber es ist eine Grundlage. Es kann helfen, die Problematik zu enttabuisieren. So sieht es unter anderem einen Solidaritätsfond zur Unterstützung der Gewaltopfer vor und: Das Land kann sich als Nebenkläger in einen Prozess einlassen, das ist nicht wenig. Es ist Sensibilisierungs- und Präventionsarbeit vorgesehen, auch soll es künftig in jeder Gemeinde eine Koordinierungsstelle geben. Kurzum: Ein Netzwerk soll alle in dem Bereich tätigen Organisationen koordinieren. Auch die sogenannte Täterarbeit sieht das Gesetz vor und die Datenlage soll ausgebaut werden.

Mit seltener Einigkeit hat der Landtag den Gesetzentwurf von Landesrätin Waltraud Deeg genehmigt: mit 27 Ja-Stimmen und
2 Enthaltungen.

Auch das ist ein wichtiges Signal an die Bevölkerung. Die Politik bewegt sich geschlossen in die richtige Richtung.

Doch sie allein kann es nicht richten. Jeder und jede ist gefragt.

Es braucht mehr Zivilcourage im Alltag. Wer hinschaut, statt wegschaut, und bei Bedarf einschreitet, kann viel Leid verhindern.

Es gilt, die traditionellen Rollenbilder zu verändern, sich von fixen Vorstellungen zu verabschieden, wie Männer und Frauen zu sein haben.

Und: Gewalt an Frauen ist auch keine Frauensache. Sie fängt bei Männern an. Damit sich wirklich etwas ändert, müssen die Männer Teil des Diskurses werden. Nicht weil sie Täter sind, sondern weil auch sie Verantwortung für das gerechte Zusammenleben der Geschlechter tragen sollten.

Gewalt gegen Frauen ist weltweit, so die Weltgesundheitsorganisation WHO, eines der größten Gesundheitsrisiken für Frauen. Das beste Mittel dagegen ist, man kann es nicht oft genug
sagen, darüber zu sprechen. Erst wenn wir hinschauen, werden weniger Frauen durch Männerhand sterben.