Wohl die Einzigen, die nicht zu einer einheitlichen Schriftsprache für Badioten, Grödner, Fassaner, Cortinesen und Buchensteiner befragt werden, sind die Betroffenen – vor allem die Grödner und die Badioten.
Mit viel Einsatz und viel Sachkenntnis wurde im Verlauf der Jahre z.B. das „Gherdëina“, also das Grödnerische, durch diejenigen, die die Sprache täglich sprechen, behutsam im Wortschatz erweitert, sodass sie heute in Kindergarten und Schule als vollwertige Sprache gelten darf. Würde eine einheitliche, die verschiedenen gesprochenen Varianten des Ladinischen übergreifende Schriftsprache eingeführt, müsste diese, um verankert und auch verwendet zu werden, vor allem auch an den Schulen unterrichtet werden. Damit würden die Original-Idiome in den Hintergrund gedrängt und vermutlich im Laufe der Zeit verschwinden – für immer. Ähnlich ist es ja auch den Graubündnern mit der Einführung des Rumantsch Grischun ergangen. Die Einführung der Einheitssprache in den Schulen hatte dazu geführt, dass Eltern oft die Hausaufgaben ihrer Kinder nicht mehr verstanden haben. Der Schritt wurde rückgängig gemacht und das Rumantsch Grischun in den Schulen wieder durch die Original-Idiome ersetzt. Jede Sprache verändert sich laufend, in Zeiträumen von Jahrzehnten, ja Jahrhunderten. Sie ist Spiegel der Kultur eines Volkes, wenn nicht der Spiegel des Volkes selbst. Diejenigen, die jetzt der Ansicht sind, dass die Folgen der Einführung des „Ladin Standard“ minimal sind, sollten sich vorstellen, dass ihre Kinder eine praktisch neue Sprache lernen müssen, die sich durch große Armut auszeichnet. In der Linguistik wird als Diglossie bezeichnet, wenn jemand einen Dialekt spricht und zusätzlich noch die entsprechende Hochsprache. In Gröden hätten wir bei Einführung des „Ladin Standard“ eine Doppeldiglossie und zwar Dialekt und Hochsprache sowohl fürs Ladinische als auch fürs Deutsche. Im Falle der Einführung des „Ladin Standard“ müsste es in der Schule unterrichtet werden und es würde bald nur mehr dieses geben. So könnten sich z.B. die Sprecher des Grödnerischen nicht mehr – wie jetzt – mit einer besonderen Gruppe identifizieren.
Wenn der Grödner das „Grödnerische“ verliert, verliert er das Wichtigste, seine Eigenheit.
Edmund Dellago, St. Ulrich in Gröden