Das Gedicht „Kommt einer“ von Nelly Sachs wurde in der Sendung „Du holde Kunst“ im Ö1 vorgetragen. Es hat mich so berührt, dass ich unwillkürlich in ein tiefes Zerwürfnis mit unserer Gesellschaft verfiel. Wie gehen wir mit „Fremden“ (ich meine nicht die Gästeströme des Tourismus, sondern die Einwanderer) um, welche auf der Flucht aus Gegenden und Ländern kommen, die von den Auswirkungen der Klimaveränderungen und entsprechenden Hungersnöten geplagt sind, die in Kriegsgebieten leben und/oder von autoritären, menschenverachtenden Regimen drangsaliert und verfolgt werden und die in der Regel nicht leichtfertig und freiwillig ihre Heimat verlassen.
Wenn sie dann, sofern sie nicht unterwegs zu Tode kommen, nach all den Erschwernissen der Flucht doch letztendlich zu uns kommen, dann legen wir unsere vom satten Wohlstand und ausbeuterischen Wirtschaftsdenken geprägten Maßstäbe an. Wir teilen die Fremden ein in für uns genehm/nicht genehm, wir urteilen über ihre Beweggründe der Flucht und über die Situation in deren Herkunftsländern. Über die Kontingentierung und Verteilung der Notunterkunftsplätze wird zwischen den politischen Instanzen gefeilscht. Und im Hohen Haus sowie am Wirtshaustisch werden von braven Kirchgängern den „Fremden“ die Pfennige aufgerechnet und missgönnt. Die Jesus in den Mund gelegte Mahnung zu einem der Werke der Barmherzigkeit – „Ich war fremd und ihr habt mich nicht beherbergt“ – geht im Heiligen Land Tirol im Geschäftstrubel offensichtlich sang- und klanglos unter. Und es ist Winter, so kleide ihn warm.
Josef Gasteiger, Sterzing
