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„Schreiben ist eine Aufgabe“
Sie hat spät mit dem Schreiben begonnen, jetzt hat sie es eilig. Waltraud Mittich, 73, erzählt von ihrem ungewöhnlichen Werdegang. Und warum sie das ewige Sitzen beim Schreiben nicht aushält.
Schriftstellerin Waltraud Mittich: „Jeder intelligente Mensch muss ein Feminist sein.“

Foto: Alexander Alber

Die traditionellen Pflastersteine in Rom heißen „Sanpietrini“. Das erste Mal wurden sie Mitte des 18. Jahrhunderts verwendet, sie gehören zum historischen Stadtbild, auf ihnen verbinden sich Vergangenheit und Gegenwart. Barbara, die Hauptdarstellerin von Waltraud Mittichs neuem Roman „Sanpietrini“, hat sich auf diesen Steinen die Stadt erobert. Die gebürtige Deutsche kam in jungen Jahren nach Rom, hat Angelo geheiratet, zwei gemeinsame Kinder großgezogen. Jetzt ist sie Anfang sechzig, verlassen von ihrem Mann, die Kinder erwachsen, und sie, sie weiß so recht nichts anzufangen mit ihrer neuen Freiheit. Dann lernt sie Darian kennen, einen Afghanen ihres Alters. Und entscheidet sich für die Veränderung.

ff: Frau Mittich, was war die wichtigste Entscheidung in Ihrem bisherigen Leben?

Waltraud Mittich: Zum einen, dass ich mich entschieden habe, Kinder zu bekommen. Da war ich 34, nicht mehr allzu jung. Mein damaliger Arzt sagte zu mir, ich sei eine „alte Erstgebärende“. So war das halt in der damaligen Zeit.

Und zum anderen?

Dass ich mit 49 Jahren meine Stelle als Lehrerin aufgegeben und mich fortan nur noch dem Schreiben gewidmet habe.

Da wird man Sie wohl für verrückt erklärt haben, einfach so eine fixe Stelle aufzugeben?

Stimmt. Das hat wirklich niemand verstanden, auch mein Mann nicht. Es war nicht so, dass mir das Unterrichten keine Freude gemacht hätte, die Schüler waren nett. Aber im
Hinterkopf war da immer der Wunsch zu schreiben.

Ihr Mann hat es dann aber akzeptiert?

Anfangs war ihm meine Entscheidung etwas unheimlich. Er wollte immer eine berufstätige Frau: Wenn ich nicht mehr unterrichte, so dachte er, dann hätte ich nichts mehr zu tun. Die Kinder waren ja auch schon groß. Ich bin damals für kurze Zeit in ein Loch gefallen, habe dann aber sofort mit

dem Schreiben angefangen, und dann ging es mir gut.

Wenn Sie Ihr jüngeres und Ihr älteres Selbst miteinander vergleichen – was bedeutet das Leben, und hat sich Ihre Definition davon über die Jahre verändert?

Ich glaube, ich bin immer noch dasselbe junge Mädchen, das sich erträumt hat, einmal als Schriftstellerin zu leben. Ich bin mit den Jahren natürlich lebenspraktischer geworden, aber ansonsten …

… was haben Sie sich sonst noch erträumt?

Aus dem Dorf hinauszukommen, die Welt zu bereisen, zu studieren – allerdings nicht in Innsbruck, das war zu nah. Es ist dann Padua geworden. In gewisser Weise war ich immer schon etwas rebellisch.

Was konkret heißt für Sie „rebellisch“?

Eine schnelle Antwort darauf ist schwierig. Aber allein die Tatsache, dass ich studieren ging – in meiner Generation wurden die Frauen Kellnerinnen oder maximal Postangestellte. So etwas hätte ich auch werden sollen. Zu Hause wurde es nicht gerne gesehen, dass ich studieren ging.

Wie fühlten Sie sich in Padua?

Frei. Raus aus den Bergen, hinein in diese Ebene, Weite. Auch für die italienische Sprache hatte ich immer schon ein Faible. Es waren die rebellischen Sechzigerjahre. Wir waren sicher alle von der Polizei registriert, obwohl wir nie gefährlich waren.

Warum haben Sie diese Weite wieder mit den Bergen eingetauscht, sind zurückgekommen?

Ich brauchte Geld. Und das Unterrichten war diesbezüglich eine große Verlockung. Und es war kommod. Also blieb ich, habe mich zwischendurch aber immer wieder für längere Zeit in Rom aufgehalten, in Berlin und in Wien.

Warum sind Sie so spät zur Autorin geworden?

Klar, es hätte sich schon früher angeboten, mit 20, 30 Jahren. Wenn ich etwas bereue, dann das, dass ich nicht früher angefangen habe. Aber es hatte wohl etwas zu tun mit: sich nicht hinauswagen in die Öffentlichkeit, in dieses kleine Südtirol, wo jeder jeden kennt. Vielleicht ist das auch ein weiblicher Grund, vielleicht ist das vom Frausein so diktiert.

Dafür haben Sie sich dann aber ein gewagtes Thema für Ihr erstes Buch ausgesucht: „Mannsbilder“.

Stimmt. Ich wollte nicht schreiben, solange die Kinder klein waren. Ich glaube, es ist eine Zumutung für Kinder, wenn die Mutter literarisch arbeitet. Man ist nie wirklich präsent, mit dem Kopf ständig beim Text. Und das mit den Männern, ja, das hat einfach raus müssen aus meinem Kopf. In diesem Buch stehen Sätze, die ich mein ganzes Leben schon mit mir herumgetragen habe. Dass es entsprechend für Furore gesorgt hat, das war mir völlig egal. Ich habe mich einfach nur frei gefühlt.

Ihre Hauptperson, Barbara, hat mit Anfang sechzig auch einmal die Freiheit, sich neu zu erfinden. Ihr Ehemann hat sie verlassen, sie führt aber ein bourgeoises Leben, ihr fehlt es an nichts. Dann lernt sie plötzlich diesen Afghanen kennen, Darian. Gibt es ein Vorbild für diese Frauenfigur?

Für mich hat diese Frau ein bisschen etwas von einem naiven Dummchen. Nachdem sie von ihrem Mann verlassen wurde, breitet sich dieses neue Leben zwar wie eine große Wüste vor ihr aus – eine Freiheit, die für sie aber wie eine Wüste wirkt. Eine sozialromantische Frau, die alles auf die Liebe setzt. Ich kenne diese Community in Rom, da gibt es Norwegerinnen, Deutsche, Schwedinnen, Österreicherinnen, die kamen in jungen Jahren alle nach Rom, um sich einen Mann zu angeln. Die meisten haben ihn auch gefunden, sind reich geworden und haben sich in der Stadt etabliert. So wie diese Barbara auch. Nur ist bei ihr irgendwann dieses Leben zerbrochen.

Ihr Roman ist auch ein Buch über Rom. Was ist Rom für Sie?

Ich bin immer wieder angedockt in dieser Stadt, habe dort viele Menschen kennengelernt. Auch mit den Kindern bin ich immer wieder nach Rom gefahren. Diese Stadt ist Chaos – und für mich trotzdem die Stadt der Städte.

Sie wollten nie in Rom leben?

Nein, das war nie mein Anliegen, dafür ist mir die Stadt zu stressig. Ich wollte auch andere Städte erleben. Ich bin eine Geherin, ich muss wandern, ich muss auch mal auf den Berg hinauf.

Ruhig sitzen fällt Ihnen schwer?

Das ist schwierig für mich, ja.

Wie schreiben Sie dann Ihre Bücher?

Ich muss immer aufstehen. Hantiere im Haus herum, laufe wieder zum Computer. Aber längere Zeit ruhig sitzen, nein, das kann ich immer noch nicht.

Trotzdem haben Sie es geschafft, innerhalb von circa 15 Jahren acht Bücher zu schreiben.

Ach, das sind ja alles nur schmale Büchlein. Ich bin keine Vielschreiberin. Ich kürze vom so schon kurzen Text viel weg. So wird das Ganze immer knapper. Ich kann nicht anders.

Armut, Jugendarbeitslosigkeit, soziale Ungleichheiten, Migration, politische Protestbewegungen, das Frau-Sein – all diese aktuellen Themen verpackt Waltraud Mittich in „Sanpietrini“. Die Fähigkeit der Autorin, sich in nahezu allen Aktualitäten kundig zu machen, imponiert. Ein tiefgründig durchdachtes Erzählgebirge, manchmal jedoch etwas allzu dicht, so dass man sich als Leser nicht immer leicht zurechtfindet.

Wie lange dauert die Vorbereitungsphase für ein Buch?

Der erste Teil der „Sanpietrini“ ist mindestens sechs Jahre alt. Dann ist mir „Micòl“ (der Roman erschien vor drei Jahren, Anm. d. Red.) dazwischengekommen. Ich wusste, der Text ist noch nicht fertig. Den zweiten Teil habe ich dann relativ schnell geschrieben – mit all diesen Aktualitäten.

Eine der Aktualitäten ist Esther Duflo. Sie schreiben über die Ökonomin: „Wir werden uns an solchen Frauen in Zukunft orientieren müssen.“ Vor Kurzem erhielt die Französin für ihre Armutsforschung den Wirtschaftsnobelpreis.

Ja, das ist so etwas wie ein Glücksfall. Ich war auf der Suche nach Vorbildfrauen, und so bin ich irgendwann auf sie gestoßen. Gekannt hat sie da fast niemand. Ich bin heute
also ganz glücklich, dass ich damals schon das Potenzial dieser Frau verstanden habe.

Würden Sie sich als Feministin bezeichnen?

Jeder intelligente Mensch muss ein Feminist sein. Zumal wenn man bedenkt, dass 50 Prozent der Menschheit weiblichen Geschlechts sind und von diesen ganze 40 Prozent unterdrückt werden.

Wie sehen Sie die jungen Frauen von heute?

Ich kenne Anna Heiss (Theatermacherin aus Brixen, Anm. d. Red.) – für mich eine typische Vertreterin der jungen Frauengeneration, so, wie ich sie mag. Oder meine Tochter, Jahrgang 1980: Es ist toll zu sehen, wie sie ihr Leben, ihren Beruf und ihre zwei Kinder schaukelt. Und wie sie und ihr Mann sich die Arbeit mit den Kindern aufteilen. Ich habe das nicht geschafft. Damals war es selbstverständlich, dass das mit den Kindern alles ich alleine mache.

Sie schreiben über Vorbildfrauen, prangern die
Jugendarbeitslosigkeit und die politischen Missstände in Italien an. Was genau wollen Sie mit Ihrem Buch?

Ich will diese schreckliche Jugendarbeitslosigkeit thematisieren, die Menschen darüber zum Nachdenken bringen. Da läutet eine ganz schrille Alarmglocke. Für mich jedenfalls hat sie geläutet, also habe ich geschrieben. Ich bin mir bewusst, dass man mit einem literarischen Text nicht so weit kommt. Aber ich bin nicht hoffnungslos.

Welche Macht hat das geschriebene Wort in diesen Tagen?

Man muss als Schriftsteller wahrgenommen werden. Wenn das nicht passiert, wird es schwierig – vor allem für eine weibliche Schreibende in Südtirol. Eine Gesellschaft muss auf einen Text reagieren. Aber wenn man nicht imstande ist, das Buch unter möglichst viele Menschen zu bringen, dann ist das ein Problem. Ob die „Sanpietrini“ in die Gesellschaft vordringen werden? Ich weiß es nicht.

Wer hat denn Ihrer Ansicht nach die größte Macht heute, einem Buch zum Erfolg zu verhelfen? Da gibt es ja immer mehr Akteure, neben Kritikern und Buchhändlern zum Beispiel auch Blogger oder die Leser selbst, die online Sternchen verteilen.

Vor allem braucht man gute Kontakte. Und Rezensenten im Ausland. Dieses Südtirol wird immer auf seine schöne Landschaft reduziert, seinen guten Wein und vielleicht noch auf den aparten Landeshauptmann. Dass wir hier auch etwas anderes, Schöngeistiges, produzieren, darauf kommt von alleine niemand.

Sind Sie ein zuversichtlicher Mensch, auch
mit Blick auf politische Entwicklungen der jüngsten Zeit?

Ich würde der Frage, wenn Sie erlauben, für einen kurzen Moment ausweichen. Kurt Lanthaler zum Beispiel zählt zu jenen Südtiroler Autoren, die sich auch in die italienischen Verhältnisse einmischen. Und ich tue das auch. Ich mische mich ein in die politischen Verhältnisse dieses Staates, in die Missstände seiner Hauptstadt. Das ist für mich Politik – sich einmischen. Schimpfen und kritisieren allein nützt nichts.

Was braucht ein Buch, um von Ihnen geschrieben zu werden?

Ich muss mit der Nase auf Dinge stoßen, die mich aufregen, mich berühren. Ich kann mir nicht irgendein beliebiges Thema ausdenken, das geht nicht.

Haben Sie nach einem Buch Angst, dass Sie nie wieder eines schreiben werden, weil Sie nicht wissen, worüber?

Ach wissen Sie, ich habe so spät angefangen zu schreiben, dass ich nun befürchte, nicht mehr alles niederschreiben zu können, was in meinem Kopf ist. Ich habe oft das Gefühl, dass mir die Zeit davonrennt.

Hat sich Ihre Herangehensweise von den ersten Texten bis
in die Gegenwart verändert?

Vielleicht bin ich handwerklich etwas besser geworden. Anfangs bin ich diesen schönen Sätzen hinterhergerannt, die ich unbedingt loswerden wollte und musste.

Sie haben gegenüber ff einmal gesagt: „Schreiben ist für mich eine Magie-Erwartung“…

Stimmt. Aber das würde ich so heute nicht mehr sagen. Damit meinte ich eben diese magischen Sätze, in denen die Musik und die Schönheit drinnen sind. Heute sage ich: Schreiben ist eine Aufgabe, der Versuch, etwas über die Welt zu verstehen. Und je älter ich werde und je mehr Durchblick ich habe, desto mehr sehe ich es als Aufgabe – in erster Linie für mich selber. Ich habe diese innere Unruhe.

Sie haben etwas zu sagen?

Ja, zumindest glaube ich das. Vielleicht täusche ich mich, aber das ist egal. Ich empfinde es als meine Aufgabe, das, was ich weiß, was ich erfahren habe, aufzuschreiben.

Gibt es schon neue literarische Projekte?

Im Moment schreibe ich über Joseph Roth und Galizien.

Da haben Sie sich aber eine große Nummer ausgesucht. Roth zählt zu den bedeutendsten deutschsprachigen Autoren der alten Donaumonarchie.

Ja, aber ich liebe Joseph Roth. Ich war dieses Jahr in Czernowitz (in der heutigen Ukraine, Anm. d. Red.), das hat mich tief beeindruckt. So, wie die gesamte Geschichte der Donaumonarchie.

Ich stelle noch einmal die Frage von vorhin – ob Sie denn ein zuversichtlicher Mensch sind?

Ja. Es ist eigenartig, aber bei meiner Buchvorstellung in Bruneck haben einige mir den letzten Satz im Buch angekreidet – vor allem Männer. Das ist ihnen sauer aufgestoßen, die haben sich richtig aufgeregt. Aber wir wissen ja, dass es so ist. Alle Frauen wissen es.

„Man muss als Schriftsteller wahrgenommen werden. Wenn das nicht passiert, wird es schwierig – vor allem für eine weibliche Schreibende in Südtirol“, sagt Mittich.

Foto: Alexander Alber