Vor 30 Jahren war es Luis Durnwalder, der die Stahlwerke rettete – einen Betrieb, den die Faschisten 1935 in Bozen angesiedelt hatten, der Stolz der Italiener im Land. In den 1950er-Jahren arbeiteten in diesem Industriebetrieb bis zu 1.800 Menschen, heute, da er im Besitz der Valbruna-Gruppe ist, zählt er um die 600 Beschäftigte.
Vor 30 Jahren kaufte das Land den Grund, auf dem die Stahlwerke stehen, für gut 32 Millionen Euro. Und verpachtete ihn für 30 Jahre an den Betrieb, der seit den 1990er-Jahren der Familie Amenduni gehört, mit Stammsitz in Vicenza.
Jetzt ist der Pachtvertrag mit dem Land ausgelaufen. Was tun? Darüber herrscht Streit. Es gibt jetzt viele Leute, die es besser wissen, Landesräte, Minister, Gewerkschafter, nur die Juristen und Juristinnen hört man kaum.
Denn die Landesregierung hat beschlossen, den Grund mittels eines internationalen Wettbewerbs zu vergeben, „entgeltliches Erbbaurecht“ nennt sich der Vorgang in der Sprache der Juristen. 150 Millionen Euro für 50 Jahre und für gut 20 Hektar Land. Doch wird überhaupt jemand am Wettbewerb teilnehmen? Der Valbruna sind, so hört man, 150 Millionen Euro zu viel.
Der Beschluss in der Landesregierung fiel einstimmig. Wirtschaftslandesrat Marco Galateo (Fratelli d’Italia) will nun nichts mehr davon wissen und den Beschluss rückgängig machen.
Etwas Italienischeres als die Stahlwerke gab es nicht. Auch heute noch zählen sie zu den Symbolbetrieben im Land, Arbeitsstätte einst stolzer Proletarier. Stahl ist jetzt wieder eine nationale Angelegenheit, systemrelevant, nachdem man mit der Globalisierung geglaubt hat, es sei egal, wenn der Stahl aus China oder Indien kommt, wo er wesentlich billiger zu haben ist. Italien liegt heute bei der Stahlproduktion weit hinten.
Für die Südtiroler Volkspartei war die Industrie lange etwas, was dem Land aufgezwungen wurde. Man fürchtete eine ethnische und soziale Destabilisierung, linke Gewerkschaften, eine selbstbewusste Arbeiterschaft. Die Haltung der SVP hat sich geändert. Und heute ist die Industrie der stärkste Wirtschaftssektor in Südtirol, ein Stück vor dem Tourismus. In der öffentlichen Wahrnehmung ist es eher umgekehrt. Die Stahlwerke tragen ihren Teil zum Landeshaushalt bei, sie zahlen ihre Steuer in Bozen (Umsatz 2024: 1,2 Milliarden Euro; Gewinn: 174 Millionen).
Südtirol braucht eher mehr Industrie als weniger.
Denn die Industrie trägt wesentlich zum Wohlstand bei. Man darf sie nicht als Stiefkind behandeln. Die Landesregierung kann jetzt nicht einfach auf EU-Gesetze verweisen, wenn es um den Weiterbestand der Stahlwerke geht. Sie muss ausloten, ob es nicht auch anders geht. Sie könnte, so steht es im Beschluss, die Ausschreibung jederzeit wieder rückgängig machen.
Es ist wieder einer dieser komplexen Rechtsfälle, die die Landesregierung und ihre Juristen auf eine harte Probe stellen. Hat das Land wirklich die richtige Lösung gewählt oder war es nicht mutig genug, etwas anderes auszuprobieren?
Die Stahlwerke müssen erhalten bleiben, im Sinne der Arbeiter und ihrer Familien, des Landes und seines Wohlstands, der Selbstversorgung mit Stahl. Als Zeichen, dass die Politik verstanden hat, was die Industrie für Südtirol bedeutet.
Leitartikel
Schützt die Industrie!
Die Stahlwerke müssen erhalten bleiben, sie sind Teil des Reichtums des Landes. Ist der Wettbewerb für die Vergabe des Grundes die einzige Lösung?
