Südtirol ist ein enges Land. Hier sind die Menschen zwangsläufig zwischen den Bergen eingeklemmt, auch wenn sich das Land in den vergangenen Jahrzehnten geöffnet hat. Südtirol ist heute genauso viel oder wenig Provinz wie München oder Mailand. Die Provinz liegt im Kopf – man hat es in der Corona-Pandemie gesehen.
Südtirol hat wenig Platz. Für Wohnbau. Und für die Industrie. Betriebe suchen fiebrig Platz für ihr Unternehmen, Streit ist unvermeidbar, wenn eine Gewerbezone ausgewiesen wird. Dabei ist die Industrie der innovativste Wirtschaftszweig im Land, sie arbeitet hier und denkt über Grenzen hinaus. Der Sektor arbeitet oft weitsichtiger und nachhaltiger als die Leute, die meinen, neue Lifte, neue Pisten oder eine Ski- Weltmeisterschaft bedeuteten Fortschritt.
Seltsamerweise regt sich gegen die WM in Gröden kaum Widerstand. Jedenfalls kein so zäher wie gegen die Ausweisung einer Gewerbezone in Siebeneich für die Alpitronic. Sie braucht Platz, um Produktion, Forschung, Entwicklung und Logistik an einem Platz zusammenzuführen, fünf Hektar circa.
Die Alpitronic (rund 300 Beschäftigte) stellt Ladesäulen für Elektroautos her. Ein Modell, das besonders schnell lädt. Sie ist also gut in dem, was sie macht. Sie expandiert stark, die Nachfrage ist groß. Die EU will Verbrennungsmotoren ab 2030 verbieten und auf E-Autos umstellen. Ein schöner Traum, denn der neue italienische Verkehrsminister Matteo Salvini (Lega) wird sich dagegen wehren – aber das nur nebenbei.
Die Alpitronic will ihren Sitz nach Siebeneich verlegen, noch stehen dort Obstwiesen und Weinreben, die Graf Michael Goess Enzenberg gehören. 11 Hektar hätten in eine Gewerbezone umgewidmet werden sollen, gut die Hälfte davon für die Alpitronic. Die Gemeinde Terlan, zu der Siebeneich gehört, zögerte, die Anwohner und die Bauern wehrten sich. Letztendlich lehnte das Land das Vorhaben ab. Einer der größten Opponenten ist ein Anrainer, Mitbesitzer eines anderen größeren Südtiroler Unternehmens. Anwohner und Bauern haben unlängst in einer Pressekonferenz gegen die Gewerbezone Stimmung gemacht.
Äpfelchen um Äpfelchen wird gegenmoderne Technik, Landwirtschaft gegen Industrie, aufgerechnet. Freilich, die Einwände der Anwohnenden gehören ernst genommen: Was ist mit dem Verkehr, mit dem Schutz seltener Arten und dem Quellwasser? Und vielleicht war die Gewerbezone zu groß gedacht: Elf statt fünf Hektar, die die Alpitronic benötigt. Aber es ist ein Ort, der günstig liegt, auch mit öffentlichen Verkehrsmitteln und dem Fahrrad gut zu erreichen.
Das ist nachhaltig, genauso wie das Unternehmen. Ganz im Sinne der Nachhaltigkeitsstrategie des Landes, die noch hohl ist und von der nicht klar ist, wie das Land sie umsetzen will. Wenn es das Land ernst meint, muss es „grünen“ Unternehmen wie der Alpitronic Platz geben. Im Sinne einer sinnvollen Entwicklung und gegen Einzelinteressen.
Offensichtlich ist sich die Landesregierung nicht einig, wie der Alpitronic zu helfen ist. Was es also braucht, ist die Courage, sich Individualinteressen und der Bauernlobby entgegenzustellen. Nachhaltig ist weniger Verkehr, Strom sparen, ein Bettenstopp, gesunde Ernährung, aber auch die Produktion von Ladesäulen für Elektrofahrzeuge.
