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Leitartikel
Achtung Erstickungsgefahr
Überrollt, überrannt, vergiftet – Südtirol ist ein gebeuteltes Land. Unsere Praktikantin Franziska Peschel musste schon als Kind nach Südtirol. Und hat jetzt nach dem Urlaubsland ihrer Kindheit gesucht.
ff media | 17. Okt 2018 | ff 42/2018
Schenna, Gossensaß, Vinschgau und das hintere Ultental, ein Streifzug durch die Orte, die Südtirol verkörpern: Spüren die Südtiroler, wie die Schlinge um ihren Hals immer enger wird?

Foto: Alexander Alber

Insgeheim hoffe ich, es existiert noch, das Südtirol aus meinen Kindertagen. Erinnere ich mich zurück, sehe ich majestätische Lärchen über betriebsame Bauernhöfe wachen, höre das Läuten der Kuhglocken, rieche feuchtes Moos im Wald. Doch längst hat sich die aufgeklärte deutsche Schwarzmalerin unter meine blumigen Erinnerungen gedrängt.

Um nicht mit meinem Polo unter die Räder der LKW zu geraten, nehme ich am Brenner die Staatsstraße in Richtung Süden. Hinter mir drängeln deutsche Dieselfahrer, die wie ich ihre Abgase ins Eisacktal pusten und dann in Schenna, Seis oder Corvara einfallen, um die Dorfidylle zu stören.

Kilometerlang sehe ich Apfelplantagen an meinen Fenstern vorbeiziehen. Erst als ich Südtirol und die Berge hinter mir gelassen habe, kann ich aufatmen, flaches Land, der Horizont, Freiheit. Auf der Straße bin ich die einzige mit einem Auto mit deutschem Kennzeichen.

Leise bedaure ich die Südtiroler. Sie müssen ersticken an den Urlaubern, am Verkehr, an den Pestiziden, die in den Talkesseln hängen bleiben wie der Blick ihrer Bewohner an den Bergen. Nie reicht er darüber hinaus in die Freiheit. 

Doch wie sehen die Südtiroler selbst ihr Land? Belastet sie der ewige Zwiespalt zwischen Heimatliebe und Wirtschaftswachstum? Spüren sie die Schlinge, die Touristen und LKW-Verkehr um ihren Hals legen und immer mehr zuschnüren? Menschen, vom Zufall ausgesucht, sollen mir Auskunft geben. Ein Streifzug durch die Orte, die Südtirols Extreme verkörpern, führt mich nach Schenna, wo alle hinfahren, nach Gossensaß, wo alle durchfahren, ins Vinschgau, wo Äpfel weggefahren werden, und ins hinterste Eck des Ultentales, dort, wo niemand hinfährt.

Vom Tourismus überrannt. In Schenna ist Schützenfest. Punkt 14.30 Uhr marschiert die Musikkapelle am Schlossweg los. Einige Touristen in kurzen Hosen beklatschen müde die Kavallerie. Unten im Ortskern erwarten Hunderte von ihnen den Einmarsch. Als einer der Letzten fährt Lukas Daprà auf dem Wagen des Schnauzer-
vereins in den Ortskern. Er sitzt auf einer Holzbank und ist guter Laune. Den ganzen Nachmittag wird er auf einem Brett Speck aufschneiden und den Besuchern reichen. Er trägt Vollbart und Karohemd, lacht seinen Kumpanen zu, wenn sie auf dem Akkordeon ein neues Lied anstimmen.

Daprà ist in Schenna aufgewachsen, er erinnert sich noch an die Tage, in denen der Dorfplatz frei von Funktionskleidung und Hochdeutsch war. Nostalgisch ist er deshalb nicht. „Wir leben gut mit den Touristen zusammen“, erklärt er. Vor allem lebt er von ihnen. Der 28-Jährige ist Koch im Hotel Schmied Hans, dem Betrieb seiner Eltern. Aber nicht nur er. Er zeigt auf den Filzhutträger neben ihm, er ist im Tiefbau. „Jeder in Schenna lebt vom Tourismus“, erklärt Daprà. „Jeder Bauarbeiter, jeder Metzger, jedes Schuhgeschäft.“

„Wenn die Urlauber nicht wären, würden hier Pferdekarren über Schotterstraßen und Sandwege fahren. Ihnen haben wir es zu verdanken, dass Schenna gut zu erreichen ist. Wir sind mobil und haben eine schnelle Internetverbindung.“

Dennoch, was Daprà Sorge bereitet, ist genau der Tourismus: „Große Hotelbetriebe, für die nur Profite zählen und denen Qualität egal ist, schießen aus dem Boden und drücken die Preise. Wenn die Gemeinde nichts dagegen unternimmt, weiß ich nicht, wie es weitergehen soll. Wir haben in unserem Hotel inzwischen 5.000 Übernachtungen im Jahr. Mehr geht nicht. In Schenna leben gerade einmal 3.000 Menschen.“ Ingesamt liegt die Zahl der Übernachtungen pro Jahr bei über einer Million.

Überrollt vom Verkehr. Gossensaß. Der Ort wirkt auf mich wie der Name, vielleicht schlimmer. Betonstelzen über Wohnhäusern. Auf der Staatsstraße rattern Motorräder und Wohnmobile direkt durch den Ort. Die meisten Geschäfte sind dauerhaft geschlossen. Legopappkartons bleichen im Schaufenster aus. Der Prunkbau Hotel Palast steht größtenteils leer, mahnt, dass früher alles besser war – als hier noch Habsburger statt Bundesbürger logierten. Der Gasthof am Ibsenplatz im Dorfzentrum ist leer. Das Eiscafé leer. Trotzdem ist das Hauptgeschäft auch hier der Tourismus. Einige Hotels säumen die Straße. Warum? Für wen? Wer kommt und bleibt freiwillig in Gossensaß?

Rosalinde Pamer und ihre Kinder. Pamer ist in Gossensaß aufgewachsen. Ihre Tochter ist zwanzig, hat gerade Matura gemacht. „Sie sagt, sie möchte hier bleiben“, erklärt Pamer. Sie ist 63, pensionierte Lehrerin und lebt gern hier. Sie sitzt mit ihrem Sohn, der Schwiegertochter und ihrem Enkel auf dem Spielplatz im Ortskern. Von den LKW, die im Zehnsekundentakt über die Betonpiste brettern, hört man hier unten nichts. Aber die Deutsche in mir sträubt sich. Sieht Abgase auf Sandkasten und Schaukel rieseln. Direkt in die Lungen der Dreijährigen, die Sand in eine Einkaufstüte
schaufeln. Rosalinde Pamer sieht das nicht: „Die Luft ist hier auch nicht schmutziger als in der Stadt.“ Da hat sie vielleicht recht.

„Bevor die Autobahn gebaut wurde, war es viel schlimmer.“ „Viel schlimmer“, bestätigt ihr Sohn mit lauter Stimme. „Da fuhren alle LKW hier auf der Staatsstraße durch den Ort“, erinnert sich Rosalinde Pamer. „Manchmal haben sich wahnsinnig lange Schlangen gebildet. Im Winter, wenn die Straße vereist war, gab es oft Unfälle. Dann standen sie den ganzen Tag hier im Ort. Keinen Meter ging es vorwärts. Als ich Kind war, haben wir den Fahrern oft heißen Tee gebracht, wenn sie so lange in der Kälte standen.“

„Wenn wir von der Schule nach Hause gegangen sind, die LKW fuhren so schnell in die Kurven — sie haben ja kaum Platz, mussten wir in die Hauseingänge ausweichen, damit sie uns nicht überfahren.“

Die Südtiroler sind genügsam.

Zwischen Glyphosat und Kuhglocken.Im Vinschgau ersticken sie an Äpfeln und Pestiziden. Denke ich. Als ich in Tschars die Kirchgasse hochlaufe, stehe ich zwischen Apfelstauden, sehe nur Apfelstauden, rieche Äpfel. Bis an den Hang reichen die Plantagen. Aus dem Tal höre ich die Traktoren. Es ist Erntezeit. Ich bewundere die Abendsonne, die sich über die Stauden legt, als sich in mir Widerstand regt. Ich sehe sie zwar nicht, aber sie müssen überall sein, die Pestizide. Eine Passantin spreche ich darauf an. Ja, sie lebe in Tschars. Aber mit den Äpfeln kenne sie sich nicht aus. Da müsse ich jemand anderen fragen.

Ich schlendere eine Straße am Hang entlang, eine lockige Dame um die sechzig stellt die Biomülltonne zu denen ihrer Nachbarn. Ach, das mit den Pestiziden sei gar nicht so schlimm, glaubt sie. Viel schlimmer seien die Biobauern. Wenn die spritzen, stinke es im ganzen Ort, Schwefel oder so, genau wisse sie es auch nicht. Und man müsse auch bedenken, die Bioäpfel seien einfach nicht so schön wie die anderen. „Welche Äpfel essen Sie?“, frage ich, auf so viel Unwissen nicht eingestellt. „Meine Schwester hat einen Hof, sie bringt mir manchmal welche. Bio sind die nicht, aber das ist mir ehrlich gesagt nicht so wichtig.“

Viel mehr können auch weitere drei Tscharser mir nicht sagen. Den mutmaßlichen Pestiziden in ihrer Luft scheinen sie keine Gedanken zu widmen. So lebt es sich immerhin ruhiger.

Hoch oben auf Grubers Hof.Unten dem Hasenöhrl oberhalb von St. Gertraud, dem hintersten Ort im Ultental, hat all das keine Bedeutung. Vom Tal her dringt das Läuten der Kuh- und Schafglocken bis zum Hof von Martin Gruber. Nebel legt sich über die Hänge. Was die unten im Tal machen, ist dem Bauern egal. Auf 1.750 Metern ist er geboren, hier hat er seinen Hof, hier wird er sterben. Erleichterung steigt in mir auf, es gibt sie noch, die Bergbauernhöfe aus meiner Kindheit. Gruber sagt: „Selbst wenn sie mir eine Million Euro gäben, würde ich nicht nach Meran gehen. Was sollte ich denn machen, wenn ich da bin? Meine Arbeit ist hier. Arbeit ist wichtiger als Geld.“

Gruber lebt vom Verkauf der Milch. Rund sechzig Cent zahlt der Meraner Milchhof pro Liter. „Das ist schon in Ordnung“, erklärt er gleichmütig. Seine Biomilchkühe sind zu dieser Jahreszeit schon im Stall. Nur einige Ziegen und Schafe sind noch draußen. Hühner, Enten, Katzen und ein Hund streunen in der Einfahrt zum Enderstenhof herum.

Der Geruch von Stallmist dringt nach draußen. Wenn er nichts zu reden weiß, blickt er über das Ultental, die kleine Kapelle in St. Gertraud hinweg auf Ilmenspitze und Stubele. „In der Stadt“, sagt er, „würde ich mich eingesperrt fühlen. Auch wenn es hier nicht immer leicht ist. Wenn es stark schneit, kommt es vor, dass wir wochenlang abgeschnitten sind. Selbst zu Fuß ist es dann zu gefährlich, ins Tal zu gehen. Dann müssen wir genug Vorräte haben, um über den Winter zu kommen.“ 

Einen größeren Hof, mehr Tiere, mehr Einnahmen, all das braucht Gruber nicht. Ab und an kauft er ein Tier hinzu. „Aber wir haben nur vier Hektar Weidefläche, und mehr als zwei Kühe pro Hektar sind nicht erlaubt. Es hat ja auch seine Gründe. Die im Tal kaufen und kaufen, und die Tiere haben keinen Platz. Aber wir Kleinen müssen immer büßen für das, was die großen Bauern machen. Die Politik redet ständig davon, man müsse die Bergbauern unterstützen, aber am Ende passiert nie etwas. Die großen Bauern im Tal werden begünstigt. Sie bringen ja auch die Steuern ein. Sie erhalten 500 Euro Zuschüsse pro Hektar. Wir kriegen nur 100 bis 200“, meint Gruber. 

Sein Nachbar, etwa 15 Jahre älter als Gruber, sagt: „Etwas mehr ist es schon. Immerhin geben sie uns einfach so Geld.“

Berge begrenzen den Weitblick.Den Bauern im Ultental darf er verstellt sein, den Entscheidungsträgern in den Städten nicht: der Weitblick. Mir als Flachlandeingeborener fällt der Gedanke leicht, es müsse an den Bergen liegen, dass Südtiroler in Deutschland meist klagen über die Enge in ihrer Heimat, den begrenzten Horizont der Landsleute.

Ich bin nicht die Erste mit diesen Gedanken, klärt mich Günther Pallaver auf, Südtiroler Politikwissenschaftler an der Universität Innsbruck. Derartige Thesen seien bisher jedoch ins Leere gelaufen. Im ersten Weltkrieg beschäftigte der Franzose André Siegfried sich mit der Frage, ob die Geographie Einfluss auf das Wahlverhalten der Franzosen hat. Nein, zeigte sich, zumindest klimatische und landschaftliche Aspekte tun das nicht.

2004 ging Pallaver selbst in einem Seminar in Florenz der Frage nach, ob die alpine Landschaft als Nährboden für den Populismus gesehen werden kann. Wieder nein, der Zusammenhang ließ sich nicht bestätigen. „Ihre These ist nichts als ein Vorurteil“, erklärt er. „Ich muss heute nicht daran arbeiten, den Berg zu überspringen. Ich habe andere Kommunikationsmöglichkeiten. Ich kann durch ihn hindurchsehen.“

Wie gut also, denke ich mir, dass sie jetzt auch in Schenna Internet haben. n

Franziska Peschel ist Absolventin der Zeitenspiegel-Reportageschule in Reutlingen. Sie hat bei ff ein einmonatiges Praktikum
absolviert und hat sich gefragt: Was ist aus dem Land geworden, in dem ich mit meinen Eltern Urlaub machen durfte (musste)?