Ich heiße es das „Durnwalder Theorem“, und es lautet: Tut, was ihr wollt, und haltet ’s Maul! Es ist Südtirols Überlebensgeheimnis mit seiner Autonomie. Luis Durnwalder hatte es seinerzeit ebenfalls mit einem Schulstreit zu tun, vergleichbar dem von heute an der Bozner Goetheschule. Damals waren es italienische Schulleute, die am Sprach-Regelwerk herumtändelten und sich am gebenedeiten Artikel 19 des Autonomiestatuts vergingen. Hie Paragraf, hie Praxis, das Dilemma ist nicht neu. Ein ethnopolitischer Schwelbrand drohte sich auszuweiten, hätte ihn nicht der große Alte auf die zitiert pragmatische Weise gelöscht.
War keine noble Art des Regierens, bestimmt nicht. Es ist das privatrechtliche „Wo kein Kläger, da kein Richter“ zum Verwaltungsprinzip erhoben. Und Durnwalder selber, bibelfest von Noviziat-Zeit auf, hätte gewiss noch Lukas 13.15 parat gehabt, nämlich den Ochsen, wenn der in die Grube fällt, ob ihn selbst die Pharisäer, diese Heuchler, an einem Sabbat nicht heraufziehen würden.
Ach, Südtirol wird sich noch oft müssen nach dem „Durnwalder-Theorem“ aus der Patsche helfen lassen. Es regnet allerorts durchs Dach des Autonomiestatuts. Der Goethe-Schulstreit ist ja nur das neueste Stück. Von letzter Woche ist der Beschluss der Landesregierung, dass der ethnische Proporz fallweise ausgesetzt werden kann. Nicht dass er das bisher nicht geworden wäre. Es geschah stillschweigend, jetzt ist es offiziell. Immerhin. In Südtirols Schulen, diesen statutarisch muttersprachlich so getrennten, herrscht ein fröhliches Kuddelmuddel. Von der Pflicht zur Zweisprachigkeit im Amt? Wollen wir gütig schweigen.
Unser gutes altes Autonomiestatut funktioniert, weil ihre Verwalter es einigermaßen verantwortungsvoll übergehen. Es deswegen abändern? Anpassen, wie unsere Hofjuristen es vorschlagen? Ob es dann besser wird? Es war ein Geschenks-„Paket“ für Südtirol. Gescheiter, nicht auspacken. Wir bringen es so nimmer zamm.
von Florian Kronbichler | Journalist, ehemaliger Chefredakteur der ff