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Leitartikel
Mit Köpfchen gegen Populismus
Schon die antiken Philosophen haben vor Populisten gewarnt. Es würde sich in Zeiten wie diesen lohnen, sich intensiver mit ihnen zu beschäftigen. Auch als Gegengift gegen den Populismus.
Zitat Leitartikel

Foto: ff-media

Seit einiger Zeit werden sie immer sichtbarer, auf Demos, bei Kundgebungen, bei Diskussionen. Nein, ich meine nicht die jungen Menschen, die Schülerinnen und Schüler, die unter dem Motto „Fridays for Future“ für mehr Klimaschutz auf die Straße gehen. Dieses Mal soll die Rede sein von den „Omas gegen Rechts“.

Eine überparteiliche Initiative, getragen von Frauen jenseits der 50. Die Idee stammt aus Österreich. Im November 2017 wurde die erste Gruppe in Wien gegründet. Mittlerweile gibt es sie, von den meisten Medien weitgehend übersehen, in jeder größeren Stadt, in Österreich, in Deutschland und seit diesem Sommer auch in Südtirol. Die Seniorinnen demonstrieren gegen Populismus und rechtes Gedankengut. Sie setzen sich ein für ein Land ohne Rassismus und Frauenfeindlichkeit. Das ist gut, das ist schön. In populistischen Zeiten kann es solche Initiativen gar nicht genug geben.

Dies vorausgeschickt, ist es interessant zu beobachten, wie sich die Initiative verhält und entwickelt. So unterstützt sie beispielsweise die Forderung von Don Paolo Renner nach einer eigenen Fakultät für Philosophie in Südtirol.

Der Theologe und Universitätsprofessor war bei der jüngsten Vollversammlung der Omas eingeladen. Dort sagte er, dass neben all den technischen Studienrichtungen an der Uni Bozen auch dem Denken ein eigener Ort geschaffen werden solle. Denken gewinne gerade in Zeiten des Populismus eine noch größere Bedeutung.

Der eine oder die andere mag jetzt die Nase rümpfen und das Ganze als Kuriosum abtun. Kurios aber erscheint der Vorschlag des Professors nur auf den ersten Blick. Es zahlt sich aus, sich darüber ein paar Gedanken zu machen. Zugegeben: Das mag mühsam sein, aber es ist lohnend – in einer Phase des Umbruchs und in einer angespannten politischen Zeit.

Wer über Demokratie nachdenkt, kommt nicht umhin, die antiken Philosophen zu lesen. Und wer sich tiefer mit ihnen und ihrem gesellschaftspolitischen Denken auseinandersetzt, wird feststellen, von welch beklemmender Aktualität sie sind.

Demokratie, Demagogie, Tyrann, Oligarchie – alles griechisch-römische Begriffe und Konzepte, die aus heutigen politischen Diskussionen nicht mehr wegzudenken sind. Ebenso wenig wie Republik, Diktator oder Senat. In seinem Buch „Politeia“ schrieb der gute alte Aristoteles: „Denn in der Demokratie, wo nach dem Gesetze regiert wird, ist kein Raum für Demagogen, sondern die tüchtigsten Bürger stehen an der Spitze. Wo aber die Gesetze nicht in Geltung stehen, da gedeihen die Demagogen.“

Der Begriff „Demagoge“ („Volksführer“) war damals nicht so negativ besetzt wie heute, gemeint waren geschickte Redner, Führer des Volkes bei politischen Entscheidungen. Bei der zitierten Passage meint Aristoteles die manipulativen Charaktere, jemand, der an die Gefühle und Ängste des Volkes appelliert. Modern ausgedrückt, ein Populist. Ähnliches findet man beim römischen Politiker Marcus Tullius Cicero. In seiner „De re publica“ beschrieb er die wichtigsten Herrschaftsformen: Die Monarchie könne leicht umschlagen in Tyrannis, die Demokratie in die „Herrschaft einer zügellosen Menge“.

Der Vorschlag von Don Paolo Renner ist gut. Philosophie fördert den kritischen Diskurs, eigenständiges und logisches Denken. Sich mit Philosophie auseinanderzusetzen, kommt einem mentalen Fitnesstraining gleich. Es geht um das Ringen um die besten Argumente, klar verständliches Schreiben und Sprechen und präzises Denken. In den USA boomt das Philosophiestudium. Unternehmen heuern bereits sogenannte Chief Philosophy Officers an, die sie hinsichtlich ihrer Geschäftsstrategie beraten.

Die Kritik am Populismus ist oft schwach und hilflos. Die einen meiden, wo immer möglich, die Begegnung mit ihnen. Die anderen glauben, es erübrige sich jede Auseinandersetzung, sobald man den Gegner einen „Populisten“ oder „Rassisten“ nennt und alle irgendwie in einen Topf wirft.

Wer den Zusammenhalt und die Vielfalt einer Gesellschaft sicherstellen will, muss klüger, flexibler, kreativer und vor allem weitsichtiger sein.