Panikmache
Verkrustete Strukturen: Wie muss die Versorgung bei Anorexie wirklich sein?
Die Berichterstattung über Essstörungen in den Medien bewegt sich oft in einem schwierigen Spannungsfeld. Wenn in Meldungen mit nackten Todesraten von 15 Prozent hantiert wird (natürlich wieder, wie könnte es anders sein, von Primar Roger Pycha), löst das bei Betroffenen und Angehörigen vor allem eines aus: Panik und Resignation.
Fachlich mag sich das auf extreme Langzeitverläufe beziehen, medial wirkt es wie eine reißerische Zuspitzung, die verschweigt, dass bei rechtzeitiger und richtiger Hilfe gute Heilungschancen bestehen.
Noch schwerwiegender als die mediale Darstellung ist jedoch die strukturelle Realität in Südtirol. Die Forderung nach neuen, isolierten Sonderprojekten und Spezialstationen unter der Ägide einer traditionellen Akutpsychiatrie greift zu kurz. Wenn leitende Positionen über das Pensionsalter hinaus blockiert werden, droht jede gesundheitspolitische Entwicklung zu erstarren.
Eine lebensbedrohlich untergewichtige Anorexie-Patientin gehört zuallererst in die akute Medizin zur körperlichen Stabilisierung. Danach braucht es aber kein starres psychiatrisches Bett, sondern eine spezialisierte Psychosomatik, eingebunden in ein flächendeckendes Netz aus Ambulanzen und Einrichtungen wie Bad Bachgart.
Statt dieses Netzwerk zu stärken, drohen durch solche rein psychiatrisch gesteuerte Forderungen kontraproduktive Parallelstrukturen: Es entsteht eine schädliche Konkurrenz statt Vernetzung, eine Verschwendung von ohnehin knappem Fachpersonal, und am Ende wird schlicht am Bedarf der Patientinnen und Patienten vorbeibehandelt.
Eine spezialisierte Psychosomatik erfordert ein ganzheitliches, oft milieu-
therapeutisches Setting wie in Bad Bachgart.
Eine klassische Akutpsychiatrie ist meist auf kurzfristige Krisenintervention und Medikamenteneinstellung ausgelegt. Wenn dort nun am Bedarf vorbei neue Betten geschaffen werden, die im Grunde wieder im alten stationären System enden, ist das eine Parallelstruktur, die das Problem (das Fehlen einer echten, modernen Psychosomatik) nicht löst, sondern zementiert.
Es ist an der Zeit, dass die Verantwortlichen im Sanitätsbetrieb den Weg für einen dringend nötigen Generationenwechsel freigeben und die Versorgung im Bereich Psychosomatik/Esstörungen an internationale Standards anpassen.
K. F. (Name der Redaktion bekannt)