Jedes Land hat seine Tabus. Für Südtirol sind es Selbstbestimmung und – Obacht, Zungenbrecher! – Sprachgruppenzugehörigkeitserklärung. Wer einigermaßen politisch korrekt sein will, vermeidet die beiden Wörter. Das eine tut Eva-Klotzelen, das andere ist außer unaussprechbar ein Schwindelzettel. Doch dieser Herbst bringt sie uns beide wieder. Die eine, die Selbstbestimmung, überfällt uns auf eine Weise, wie wir Südtiroler es uns nie hätten vorstellen können. Die Frage ist nicht mehr, zu wem wir gehören wollen oder wer uns noch nimmt. Nein, Gegenstand der neuen Selbstbestimmungsdiskussion ist, wer wir sind, und zwar sexuell. Mann oder Frau? Wer ich bin, bestimme ich. Und wenn es mir passt, mach ich auf trans. Zu wem gehören? Ich bitte! Selbstbestimmung steht neuerdings für freie Geschlechtswahl.
Damit zur Sprachgruppenzugehörigkeitserklärung. Zum 30. September (letzter Woche) hatte sie ihre zehnjährige Fälligkeit, effektiv gezählt wird bis Jahresende. Südtirols Einwohner müssen sich einer der drei hier statutarisch vorgesehenen Sprachgruppen deutsch-italienisch-ladinisch zugehörig erklären. „Müssen“, heißt es im Gesetz, aber kein Mensch muss mehr müssen. Es ist böse Ironie der Geschichte, dass die geschlechtliche Selbstbestimmung, wie sie Deutschland bald haben will, zeitlich mit unserer sprachlichen Einreihungspflicht zusammenfällt. Dort alle Freiheit bis hinein in die intimste Intimität, hier verpflichtende Einordnung in eine von drei vorgeschriebenen Sprachgruppen. Ein „Grundpfeiler der Autonomie“ sei diese.
Doch der Pfeiler wankt. Bald wird er stürzen, und niemand wird ihn vermissen. Jede und jeder darf sich der Sprachgruppe zugehörig erklären, die er will. Recht so! Doch erklärte und faktische Wirklichkeit haben immer weniger miteinander zu tun. Das Sein bestimmt nicht länger das Bewusstsein, sondern umgekehrt. Der Südtiroler Mensch „erklärt sich“ nicht mehr, er wählt. Er wählt, was gefällt. Falscherklärung? Wer redet denn noch so!
von Florian Kronbichler | Journalist, ehemaliger Chefredakteur der ff