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ChatSVP
Anton Rainer | 27. Sep 2023 | ff 39/2023

Wahlwerbung aus der Dose: Ich bekomme nicht oft Post aus der Heimat. Manchmal erbarmt sich meine Mutter, dann gibt es ein Paket mit Socken zum Nikolo. Manchmal erbarmt sich ff, dann gibt es eine Honorarnote für diese Kolumne. Und manchmal, alle fünf Jahre, schreiben mir SVP-Kandidaten Liebesbriefe: „Herzliche Grüße aus der Heimat“ lese ich dann, an Menschen wie mich, die „Botschafter unseres Landes“. Was ist ein Paar Socken gegen solche Lorbeeren?

Nun gibt es Menschen, die sich über diese Post ärgern würden. Fünf Jahre lang lieferte diese Partei Rosenkriege, aber jetzt, kurz vor der Wahl, raspelt wieder das Süßholz? „Woher haben die überhaupt meine Adresse?“, höre ich meine Mit-Botschafter wüten. Mir ist das egal, ich will einfach nur mit Herzchen überschüttet werden.

Wie klingt sie also, die Liebe in Zeiten des Wahlkampfs? Spröde, um ehrlich zu sein. „Mir geht es um die Menschen“, schreibt Waltraud Deeg und das ist gut, weil es könnte ihr auch um die Forellen gehen. Klartext-Kaiser Harald Stauder bleibt ähnlich vage: Er möchte mein Ansprechpartner sein, für „unterschiedliche Bedürfnisse“, da weiß man Bescheid. Auch Gabi Morandell hat einen Wunsch, nämlich möchte sie nicht taub werden: „Ich kann zuhören.“ Toll!

Kann es sein, dass Deeg, Stauder und Co das falsche Papier versendet haben? Ich habe den Liebesbrief gedreht und gewendet, zu Origami gefaltet und mit Zitronensaft beträufelt (wegen möglicher Zaubertinte), aber da war nix, gar nix. Kein Candle-Light-Dinner, kein Plan, noch nicht mal ein Freibier. Was soll das?

Manchmal denke ich, dass der Niedergang der Volksparteien nicht mit den Populisten angefangen hat, dem Internet oder der Dauerkrise des Anthropozäns – sondern damit, dass ganze Parteikader von künstlicher Intelligenz ersetzt wurden. Ein Jahr lang haben wir über ChatGPT gesprochen, ohne zu merken, dass die SVP längst ihre eigene Variante einsetzt. Mit schrecklichen Folgen: Man stelle sich eine Welt vor, in der Romeo Julia nicht die Sterne vom Himmel holt, sondern ihr verspricht, eine „Anlaufstelle für alle Anliegen“ zu sein. Kaum denkbar, dass er am Ende ihre Vorzugsstimme erhielte. Oder auch nur ein Paar Socken.

von Anton Rainer | Redakteur im Ressort Wirtschaft beim Spiegel in Hamburg