Die Alpensagen erzählen immer wieder von hoch gelegenen Gebirgsseen, den Brüllenden Seen, deren Name daher rührt, dass sie herankommende Unwetter durch ein tiefes Grollen ankündigen, und deren Wasser sich manchmal bei schönstem Wetter unerklärbar aufgewühlt und wild präsentiert. Einer der sogenannten Brüllenden Seen ist der Radlsee. Wir empfehlen eine Rundwanderung zur Radlseehütte und zur Königsangerspitze.
In der Mulde unter der Königsangerspitze, dem eigentlichen Königsanger, liegt der sagenumwobene Radlsee.
Die Sagen wissen sehr viel über den Radlsee: Als Brüllender See büßen in ihm verwunschene Seelen die „kalte Pein“. Seine Tiefe soll unergründlich sein, und auf dem Seegrund soll ein Riesenfisch schlafen. Sollte er je geweckt werden und sich wenden, wird der See ausbrechen und das Tal verwüsten. Die Stadt Brixen wird dann wieder zum Erlenwald, wie sie es schon einmal gewesen ist.
Dort, an den Hängen des Königsanger, wo heute der Wind durch das karge Berggras streift, sollen einst bis ganz hinauf Weingüter gelegen und saftige Trauben gereift sein. Und es sollen hier die Wilden Leut’ gelebt haben. Diese „kalten Manndln“ haben die nahende Eiszeit vorausgeahnt und sind weggezogen, nicht ohne zuvor die ungläubige Bevölkerung gewarnt zu haben.
Ein immer wiederkehrendes Sagenmotiv der Brüllenden Seen ist, dass sie unterirdisch mit anderen Gewässern verbunden sind, und so auch hier: Einmal wurde ein Holzrad in den Radlsee geworfen, und nach einiger Zeit tauchte es im Durnholzer See im Sarntal wieder auf – von dieser Sage stammt angeblich der Name des Sees. Und einmal war ein schwarzer Geißbock als Opfertier in den Durnholzer See geworfen worden, und kurz darauf schauten seine Hörner aus der Tiefe des Radlsees empor.
In all den Sagen haben das Wissen von großen Naturkatastrophen und von Zeiten mit anderen klimatischen Bedingungen und auch die Vorstellung über die mythischen Wesen, welche Erde und Gewässer bewohnen, überlebt. Einmal mehr zeigt sich, dass sie als wertvolle Wissensspeicher des Volksglaubens dienen und Erinnerungen an frühe Bräuche und Begebenheiten in sich tragen und über die Zeiten hinweg bestens konservieren.

