Wie begossene Pudel saßen wir bei einem Bierchen in der finstersten Ecke des Gasthauses Feichter in der Bozner Weintraubengasse. Wir, das waren Klaus Dubis, Fraktionssprecher der SVP im Landtag, Präsident der RAS und der eigentliche Erfinder derff.Und ich, ein gutes Jahr zuvor von der Rai abgeworben und erster Chefredakteur der FF Die Südtiroler Illustrierte (FF wurde damals so geschrieben), wie sie damals noch hieß. Wenige Minuten zuvor hatten wir auf einer außerordentlichen Hauptversammlung der FF GmbH das Aus der Zeitschrift beschlossen, zu schlecht las sich die Bilanz. Ich selbst hatte mein Einstiegskapital, die Abfertigung als Rai-Journalist, schon verloren, hatte auch kein Stimmrecht mehr und musste dem Geschehen tatenlos zusehen.
Jetzt galt es eine Pressemitteilung zu verfassen, um das Ende des Zeitschriftenexperiments anzukündigen. „FF stellt Erscheinen ein“, schrieben Klaus und ich einvernehmlich. Obwohl wir bereits ein erhebliches Abopolster verzeichnen konnten und der Verkauf von Woche zu Woche stieg, blieb das Werbeaufkommen massiv hinter allen Erwartungen zurück. Bei einem zweiten Bierchen sagte ich zu Klaus sinngemäß: „Jetzt haben wir uns ein Jahr lang abgerackert, unser Herzblut vergossen, und jetzt sollen wir aufgeben?“
Das Argument saß: Und so setzten wir hinter den Titel ein Fragezeichen: „Stellt FF Erscheinen ein?“ Wenn sich nicht in der allerletzten Minute Leute finden, die bereit sind, neues Kapital in das Unternehmen zu stecken, so muss die FF schließen, buchstabierten wir und teilten wir unseren Entschluss auch der Presse mit. Beim Verlassen des Lokals traf ich zufällig auf den Stammtischhalter Dieter Perathoner, dem ich den Entschluss mitteilte. Seine Frau Doris erschien am nächsten Tag mit einem Scheck in Höhe von 50 Mio. Lire, weitere 70 Mio. steuerte Manfred Güll bei, der über die Europresse unsere Abos verwaltete. Und weil die Dolomiten auf das Fragezeichen verzichtete und schrieb, „FF stellt Erscheinen ein“, kamen nach vielen Solidaritästbekundigungen auch noch der Schnalstaler Gletscherpionier Leo Gurschler mit einem Scheck von 20 Mio. Lire. „Die FF“, sagte er „darf nicht sterben“. Da ich um seine Zahlungsschwierigkeiten wusste, löste ich den Scheck nicht ein und übergab ihn kurz nach seinem Tod seiner Frau.
Mit dem neuen bescheidenen Kapital gründete ich nach Auflösung der GmbH eine KG, für die ausschließlich ich verantwortlich war, obwohl ich keinen Cent an Anteilen besaß, und wir machten weiter: In der 40-jährigen Geschichte ist somit nicht eine einzige Nummer ausgefallen. Wir fuhren ein Sparprogramm, Christoph Amonn gesellte sich dazu und wurde zur tragenden Säule des liberal konzipierten Mediums. Das Abenteuer FF hatte 1980 turbulent begonnen. Ich saß nach langjähriger freier Mitarbeit und mittlerweile sechsjähriger Fixanstellung in der Rai relativ gut im Sattel und auch kurz vor einer Beförderung, als mir Klaus Dubis das Projekt FFquasi unter die Nase rieb. Es seien schon fünf, sechs ähnliche Projekte für Wochenzeitschriften in den Schubladen, man müsse sofort handeln. Die Warnung meiner Stiefmutter „Mochs dr woll net letzter“ schlug ich in den Wind.
FF,was sollte das heißen? Fix und Foxi, Freiwillige Feuerwehr, aus dem FF, Fernsehen und Freizeit. Es war schließlich von allem ein bisschen. Wir boten Unterhaltung, spielten Feuerwehr, allerdings mehr zum Zündeln als zum Löschen, stellten hohe Ansprüche an uns selbst, deshalb „aus dem FF“ und schließlich das alles erklärende Fernsehen und Freizeit.
Klaus Dubis und Christian Chindamo von Witkenberg, Inhaber der freien Südtiroler Welle,des ersten privaten Radiosenders auf Südtiroler Boden, war aufgefallen, dass es in Südtirol außer einer achtseitigen Beilage in den Dolomiten kein ordentliches Fernsehprogramm gab. Dem wollte man Abhilfe schaffen und gründete die FF Start-GmbH. Als ich dazustieß, ging es um ein inhaltliches Konzept. Mir wurde sofort klar, dass es sich vorerst um ein völlig unpolitisches Medium handeln musste, ansonsten würde man wieder nur einen kleinen Leserkreis erreichen, Die „Rote Zeitung“, „Tandem“ und die „Volkszeitung“hatten es vorexerziert, sie blieben schlussendlich Hausmitteilungen für die eigene Klientel.
Ich wollte möglichst viele Südtiroler Familien erreichen und nahm mir deutsche Fernsehzeitschriften und Illustrierte zum Vorbild: Lockere Geschichten, ein Ratgeberteil und ein bisschen Kultur. Ich begab mich auf die Suche nach Mitarbeitern: Inga Hosp gestaltete eine Seite für die Senioren, der ORF-Journalist Leonhard Paulmichl betreute die Kunst, Markus Perwanger rezensierte Bücher, und Franz Volgger, Leiter des Presseamtes der Landesregierung, verfasste anonym den „FFiffikus“, um nur einige wenige zu nennen.
Auch für Humor und Satire sollte gesorgt sein: Anton Frühauf lieferte stilisierte Kirchtürme, Balthasar Lippisch Karikaturen, Gottfried Masoner den „Giftzahn der Woche“, auch Gottfried Marini und Thomas Menghin zeichneten. Als Haupttreffer hatte ich mir allerdings den HPD, mit bürgerlichem Namen Hanspeter Demetz, geangelt. Er zeichnet nun schon seit 40 Jahren die letzte Seite, die von vielenff-Lesern als erste aufgeschlagen wird. Nicht immer war er beim Abliefern seiner Geistesblitze ganz pünktlich, aber getreu nach seinem Motto, dass pünktlich auch heißt „keine Minute zu früh“, hat es dann trotzdem fast immer geklappt.
Wir starteten fulminant, mit einem auf künstlerische Gestaltung ausgelegten Anti-drogenwettbewerb mit Preisverleihung im Bozner Waltherhaus. Wir richteten im Meraner Kurhaus den ersten und einzigen FF-Ball aus, ein Flop. Wir luden zur Misswahl, den übrigens die heutige Gastgeberin des Sternelokals „Kuppelrain“, Sonja Trajofer, gewann, Gustav Thöni kürten wir zum Mister FF, und auch das schönste Kinderfoto prämierten wir.
Aber auch inhaltlich hatten wir einiges zu bieten. Neben dem eher trivialen Illustriertenteil ließ ich mir vom Unternehmer Ander Amonn seine leidvolle Entführungserfahrung in einer mehrteiligen Artikelreihe schildern. Leo Gurschler kam eines Tages mit einer Tonkassette zu mir: „Hier hast du mein Leben, du kannst es veröffentlichen“. Als ich ihn fragte, was denn mit ihm los sei, gab er selbstsicher zur Antwort: „Bevor ich mich erschieße, erschieße ich ein paar andere.“ Ein halbes Jahr später war er tot, sein Vermächtnis kann man in mehreren Nummern der Start-FF nachlesen.
Nur politisch sollte sich die FF meinem Wunsch gemäß nicht von sofort einordnen lassen. Die journalistische Unabhängigkeit war mir oberstes Gebot. Und so rang ich dem SVP-Politiker Klaus Dubis die Zusage ab, mindestens zwei Jahre lang auf politisch eingefärbte Artikel zu verzichten. Klaus hielt sich nicht an die Zusage und brachte mir für die Nullnummer einen kurzen Artikel, in dem er schrieb, was es mit dem Kommunismus auf sich habe. Ich veröffentlichte diese Zeilen nicht, sie befinden sich noch in meinem Archiv. Als Klaus in der Nullnummer sein politisches Credo nicht fand, sagte er mir: „Ich bin von dir enttäuscht“.
Der Start verlief sehr chaotisch.Dubis hatte in der Bozner Brennerstraße Nr. 9 schon Büroflächen angemietet. Der Sohn der Besitzerin verweigerte im letzten Augenblick die Unterschrift, die Begründung: Bei einem Zeitungssitz könnte es zu Protesten und Schmierereien kommen. So mussten wir in die Italienstraße Nr. 20 ausweichen, wo Hans Benedikter einen Privatsender betrieb. Und als wir circa 70.000 Südtiroler Haushalte mit der Probenummer und dieser Adresse belieferten, hagelte es Proteste. Eine Südtiroler Illustrierte mit Sitz in der Italienallee, das gehe gar nicht. Der Landesverband der Freiwilligen Feuerwehren protestierte auch noch heftig gegen die Benützung des Namens FF.
Die Strukturen in der Italienallee konnten minimalistischer nicht sein. Zwei Zimmer standen der Redaktion und dem Sekretariat zur Verfügung. Für die Montage hatten wir ebenfalls zwei Räume in der Defreggerstraße angemietet. Es fehlte an allem, die Redaktion musste mit zwei Journalisten plus einer Mitarbeiterin für die Fernsehprogramme auskommen. Für die Grafik hatten wir nur Werbefachleute gefunden, die keinen Tau von einer durchgehenden Zeitungsgrafik mit halbwegs einheitlicher Titelgebung hatten, sie gestalteten Seite für Seite wie ein eigenes Prospekt. Erst als wir in das an das Hotel Laurin angrenzende Halbrundgebäude umzogen, entspannte sich die Lage. Doch die Probleme blieben.
1985 wollte der Inhaber der Europresse und Abo-Verwalter der FF, Manfred Güll, seine Anteile verkaufen, Christoph Amonn suchte neue Miteigentümer. Aber weder der Wiener Kurier noch der Tiroler Tageszeitung zeigten Interesse. Als ich über Umwege erfuhr, dass Christoph Amonn auch mit der Athesia paktelte, ließ ich diese Verhandlungen in der ersten Jännerausgabe mit der Schlagzeige „Die große Umarmung. Erhält FF einen neuen Mitbesitzer?“platzen.
Bei der Akquisitionvon Werbeaufträgen hatten wir etwa große Schwierigkeiten. Klaus Dubis hatte zur Abdeckung der Startschulden schon eine Immobilie in Meran verkaufen müssen, trank zur Beruhigung immer wieder Ginseng, dachte aber niemals ans Aufgeben. Landeshauptmann Silvius Magnago hatte er gebeten, Südtiroler Unternehmen zum Inserieren in der FF zu bewegen, was dieser, allerdings ebenso erfolglos, auch tat. Die Athesia tat alles, um uns das Leben schwer zu machen. Toni Ebner senior wird mit den Worten zitiert, die FF werde es nur vierzehn Tage geben. Er hatte angeblich mit dem Meterband unsere bescheidenen Werbeflächen ausgemessen. Josef Rampold wetterte regelmäßig gegen die „Kritisch mutig Zeitnahen“ in Abwandlung eines unserer Werbesprüche, das Wort FF brachte er kaum zu Papier.
Aber die Torpedos der Athesia waren nicht die einzigen, die gegen das neue Medium abgeschossen wurden. Nachdem wir mit Hans Karl Peterlini und später auch noch mit Josef Rohrer eine redaktionelle Auffrischung erhalten hatten, verließen wir zusehends den braven, politiklosen Kurs und widmeten uns zusehends dem Aufklärungsjournalismus. Die damals noch gängige Weinschwemme, die Aufrüstung bei den Feuerwehren, Skandale um die „Stille Hilfe“, das Steuerparadies der Bauern, aber auch politische Unstimmigkeiten wurden zu gängigen Themen. Entsprechend waren die Reaktionen. Man war in Südtirol auf Enthüllungsjournalismus nicht vorbereitet, und so wurde zum Informationsboykott aufgerufen. Wir durften mit Bauernbundvertretern nicht mehr sprechen, nicht mit den Beamten der Kulturabteilung in der Landesverwaltung, Magnago verweigerte eine Zeit lang jedes Interview, wir mussten uns in versteckten Bars mit Informanten treffen.
Christoph Amonn, der in der SVP auch die Wirtschaft vertrat, wurde fast bei jeder Sitzung scharf angegriffen, die Wirtschaft reagierte auf unsere Berichte vielfach mit Anzeigenboykott. Ander Amonn, Bruder von Christoph und Präsident der Despar Italia mit 3.000 Filialen, stornierte nach einem ihm nicht genehmen Bericht den Jahresauftrag. Als ich mit Christoph bei ihm vorsprach, hatte er den von HPD verfassten Werbefolder mit dem Slogan „Die gute Laune kommt am Donnerstag“ gelesen. „Bei mir“, so konterte er, „vergeht die Laune am Donnerstag“.
Eine erste Eintrübungim Verhältnis zu Christoph Amonn gab es, als ich, ohne ihn zu fragen, Florian Kronbichler vom Blatt für deutsche Leserdes Alto Adigeabwarb. Er rieb mir bei einem Kaffee erbost einen kritischen Artikel Florians unter die Nase, der bei seinem früheren Arbeitgeber über den Präsidentenwechsel im Südtiroler Wirtschaftsring erschienen war. Viele Jahre später machte Amonn -Kronbichler zum Chefredakteur, nachdem Hans Karl Peterlini wegen der Schwimmbadaffäre zurücktreten musste.
Auch wurde Christoph Amonn von einem Einsager ein Artikel aus den Sozialistischen Monatsheften zugespielt, den ich über die Lage in Südtirol verfasst hatte. Amonn unterstellte mir -sozialistisches Gedankengut. Dazu kam, dass die Redaktionsrebellen Peterlini und Rohrer mit meinem Führungsstil nicht mehr zurechtkamen und kündigten. Christoph Amonn zog die Handbremse und schlug mir als Alternative die Gründung eines Verlages vor. Er stellte das Startkapital zur Verfügung, ein Jahr lang wurde ich noch als Direktor des Magazins geführt und bezahlt, dann begann der Aufbruch zu neuen Ufern, die mir eine weitaus breitere Welt eröffneten, als es die FF je konnte. Ich brauchte mich auch nicht mehr vor ständigen Verleumdungsprozessen zu fürchten, deren 20 an der Zahl ich überstanden hatte, ohne je verurteilt zu werden. Und auch nicht mehr vor Morddrohungen, die ich in den 80er-Jahren erhalten hatte, als wir in unserer Berichterstattung den damaligen Attentätern gefährlich nahegekommen waren.
Eine Gratwanderung war zu Ende, eine neue konnte beginnen. Bei meinem Abschied aus der Bozner Raingasse verkaufte die FF rund 15.000 Exemplare, die Bilanz war einigermaßen ausgeglichen, das Kind war erwachsen geworden.


