Es stürmt und keiner führt
Was von der SVP
noch zu erwarten ist.
Titelgeschichte in ff 35/22
Eine einzige Partei, die alle Schichten und Interessengruppen vertritt, kann es nicht geben, zumal jeder politische Verband seinen ideologischen Schwerpunkt hat. Auch die SVP fühlte sich lange Zeit konservativ-traditionellen Anschauungen verpflichtet und gewann den Zuspruch der meisten Wähler durch ständiges Heraufbeschwören von Feindbildern, die Rom und Marxismus hießen. Wer sich erfrechte, irgendetwas von der Doktrin der De-facto-Einheitspartei infrage zu stellen, wurde über die gleichgeschaltete Monopolpresse fertiggemacht. Das war einmal, nachkommende Generationen ließen sich nicht mehr von Älteren bevormunden, zu groß waren das Ich-Bewusstsein und der Karrieresinn des Einzelnen, in der Mehrheitsfraktion übernahm ein wirtschafts- oder neoliberaler Geist die Oberhand, mit dem sich jedoch nicht alle Genoss*inn*en anfreunden und identifizieren konnten und wollten. Arroganz und Präpotenz wurden der Weg nach oben: Unterschiede wurden sichtbar, Gegensätze brachen sich Bahn, die Einigkeit unter dem Edelweiß erwies sich als Fassade.
Sollte so etwas schlimm oder gar der Weltuntergang sein? Mitnichten, wäre die Antwort, Pluralismus ist ein unverzichtbares Merkmal einer demokratischen Gesellschaft, etwas, was man hierzulande zu lange unterdrückt hat. Das Verschwinden einer alles beherrschenden Kraft war schon anderweitig das Anzeichen für einen Übergang zu demokratischen Verhältnissen, folglich ist auch das Zusammenbrechen einer (zu) lange allein herrschenden politischen Kraft nichts weiter als ein natürlicher Prozess, ein Aufbruch zu natürlich-demokratischen Verhältnissen.
Georg Lezuo, Bozen