Zum Hauptinhalt
Tui là
16. Aug 2023 | ff 33/2023

Höflichkeit:Letzthin habe ich Urlaub in einem hübschen Pusterer Seitental gemacht, den Namen möchte ich nicht nennen, um Rückschlüsse zu vermeiden. Jedenfalls fand ich mich eines Tages an einer Supermarktkasse wieder, vor mir ein junger Mann, der aufgrund seines schicken Äußeren (Markenklamotten) und seiner Einkäufe (Snacks, Bier, für den gemütlichen Fernsehabend in einer der zahlreichen Ferienwohnungen) für Sherlock Kienzl unschwer als italienischer Tourist erkennbar war.

Er tütete die Sachen ein und bat die ältere Dame an der Kasse, die ihn gestrenge beäugte, um ein zweites Sackl. „Mettilo dentro bene, non serve un altro sacchetto!“, kam es trocken zurück. Der junge Mann stutzte, lächelte irritiert und glaubte wohl, sich verhört zu haben. Als das zweite Sackl nicht erschien, stopfte er seine Sachen ins einzige gewährte, sein Blick wandelte sich von freundlich zu „questo lo scriverò sui social“ („NEGOZIO ASSOLUTAMENTE DA EVITARE!!!!“). Ihr Blick hingegen sagte: Tui là.

Ich war gleichermaßen entsetzt wie fasziniert. Aus dem Dunstkreis einer touristischen Hochburg stammend war mir solch ein Verhalten fremd, in Meran hätte man das zweite Sackl unter zehn Bücklingen überreicht. Fast war ich versucht, dem armen Mann meine schäbige Stofftasche anzubieten, um die Unerbittlichkeit der Ladeninhaberin auszubügeln. So sind wir Burggräflerinnen und Burggräfler halt sozialisiert: Der Gast bekommt den Sitzplatz im Bus, die freundliche Auskunft und selbstverständlich ein zweites Sackl. Hier aber wehte offensichtlich ein anderer Wind – der durchaus sinnvoll war, wie ich begriff.

Die Dame war nur oberflächlich ein ruppiger Besen, im Grunde war ihr Verhalten ein couragiertes Beispiel von Eigeninitiative, bekämpfte sie damit doch erfolgreich zwei unserer drängendsten Probleme: den überbordenden Tourismus (der kommt bestimmt nicht wieder) und die Zerstörung des Planeten (zweites Sackl = Ressourcenverschwendung).

Selbst sind die Bürgerinnen und Bürger, wenn der Klimaplan entsetzlich vage und der Bettenstopp eine Farce ist! Dabei würde ich eigentlich gern höflich bleiben.

von Alexandra Kienzl | Kolumnistin, Englisch-Lehrerin und ehemalige ff-Redakteurin