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Chronische Vergiftung
Anton Rainer | 16. Aug 2023 | ff 33/2023

Mitleid mit Schwurblern:Es muss die zweite oder dritte Pandemiewelle gewesen sein, als ich etwas Neues in mir entdeckte: ein großes Herz für Verschwörungstheoretiker – vorausgesetzt, sie sprachen Dialekt. Ich bemerkte es erstmals bei Demo-Berichten der Tagesschau: Wurde in Hamburg über 5G-Chips gefachsimpelt, verbogen sich meine Zehen wie mRNA-Stränge. Dieselben Worte aus Meran aber? Klangen harmlos und süß. Monatelang lachte ich über eine anonym weitergeleitete Sprachnachricht: „Jojo, Claudi, gea lei außi, ohne Huder, ohne nix!“ Eine Minute und 18 Sekunden grandioser Wahnsinn.

Mittlerweile ist die Huder Geschichte und die Seuche gebannt, bestimmt war auch Claudi wieder draußen. Was blieb, sind die Nebenwirkungen. Man findet sie etwa in den Köpfen von Jürgen Wirth Anderlan oder Josef Unterholzner. Die beiden haben getan, was heimatlose Politiker immer tun: Sie waren „draußen bei den Menschen“ und hörten dort, was sie hören wollten. Dass in der Regierung nur Falotten sitzen, zum Beispiel. Dass sie und nur sie die Richtigen seien, um endlich aufzuräumen. Derart bestärkt erfanden sie Slogans und Parteilogos („Der Bart steht für Durchhaltevermögen“) und balgen sich jetzt um die prominentesten No-Vax-Vertreter des Landes. Andreas Colli, Ex-Bürgermeister von Kastelruth und Landeshauptschwurbler, etwa hat sich für die EIER- statt die ENZIAN-Partei entschieden. Vielleicht, weil ohnehin alles egal ist, laut Facebook glaubt er an eine zeitnahe Apokalypse: „Millionen werden sterben.“

Nun ist die Welt eine andere und mein Herz spuckt neue Töne: Statt Schwurbler-Liebe empfinde ich Mitleid. Für uns ist die Pandemie vorbei, für Colli und Konsorten aber ist sie ein nicht enden wollender Albtraum – Folge einer chronischen Netz-Vergiftung. Und alles, was ich denke, wenn ich ihre „Impfmörder“- und „WHO-Schergen“-Beiträge lese, ist: Hoffentlich reden sie mit ihren Familien über etwas anderes. Mit dem Internet ist es wie mit der Waldorfschule. Kluge Kinder werden dort zu Genies, weil sie selbst bestimmen können, was und wie sie lernen. Die etwas einfältigeren aber sind, aus demselben Grund, oft für Jahre verloren.

von Anton Rainer | Redakteur im Ressort Wirtschaft beim Spiegel in Hamburg