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Leitartikel
„Stadt des Lebens“
Frauen haben das Recht, eine Schwangerschaft abzubrechen. Dieses Recht wird von der Regierungspartei Fratelli d’Italia tatkräftig untergraben.

In Südtirol werden jährlich rund 500 Schwangerschaften abgebrochen. Tendenz sinkend: Verzeichnete man im Jahr 1980 noch 35 Abtreibungen pro 10.000 Frauen, waren es 2022 (letzte verfügbare Daten des Landesstatistikinstituts Astat) 19.

Italien legalisierte vor 46 Jahren den Schwangerschaftsabbruch. Das Gesetz Nummer 194 markiert einen Meilenstein im Kampf um Frauenrechte. Zuvor galten Frauen und Ärzte, die ein Ungeborenes wegmachen ließen, als Mörderbande.

Papst Franziskus ist noch heute dieser Meinung. Immer wieder vergleicht er eine Abtreibung mit „dem Anheuern eines Auftragsmörders“. Schon klar: Der Papst tritt für den Schutz von ungeborenem Leben ein. Doch seine Wortwahl lässt tief blicken.

Wer Frauen und Ärzte kriminalisiert, schadet der Sache. Denn Zugang zu kostenlosen und sicheren Abtreibungen ist wichtig. Niemand kann wollen, dass Frauen wieder 50 Jahre zurück und damit in die Illegalität getrieben werden. Niemand? Doch. Es gibt zumindest eine Partei, die tatkräftig daran arbeitet, das Rad der Geschichte zurückzudrehen: Fratelli d’Italia. Die Regierungspartei von Giorgia Meloni boxte im April ein Gesetz durch, das die Beratung rund um den Schwangerschaftsabbruch ergänzt.

Das Gesetz Nummer 194 sieht ein Beratungsgespräch für die Frauen vor. Besprochen wird zum Beispiel, warum eine Frau abtreiben will, welche Alternativen es gibt oder auf welche sozialen Leistungen sie Anspruch hat. Ohne solche Beratung kein Schwangerschaftsabbruch.

Das Fratelli-Gesetz eröffnet die Möglichkeit, dass diese Beratung auch von Abtreibungsgegnern durchgeführt wird. Der Bozner Ableger der Rechtspartei im Gemeinderat verlangt nun das und mehr. Die Landeshauptstadt solle sich zu einer „Stadt des Lebens“ erklären. Und „Zentren zur Unterstützung des Lebens“ bereitstellen. Was soll das bringen, außer dass Frauen, die sich diese Entscheidung ohnehin nicht leicht machen, verunsichert und gepeinigt werden?

Das Team K wehrt sich zurecht gegen diese schleichende Aushebelung des Gesetzes 194. Die Partei verweist darauf, dass sich die militanten Aktionen von Abtreibungsgegnern am Bozner Krankenhaus häufen. Sie schüchtern damit Frauen und Ärzteschaft ein. Es gibt ohnehin nicht viele Ärztinnen und Ärzte, die bereit sind, einen Schwangerschaftsabbruch durchzuführen. In Südtirol, schätzt der Arzt und Team-K-Landtagsabgeordnete Franz Ploner, liege die Verweigerungsquote bei circa
85 Prozent. Dies erschwere eine legale Abtreibung bereits heute.

Keine Frau treibtihr ungeborenes Kind leichtfertig ab. 521 Frauen in Südtirol haben 2022 ihre Schwangerschaft abgebrochen, jede hatte ihre Gründe dafür. Sie reichen von der Angst, ein Kind nicht ernähren zu können, über Gewalt oder Missbrauch bis hin zu schweren Missbildungen des Kindes, die man heute früh erkennen kann.

Abgetrieben wird in allen Altersgruppen gleichermaßen, das zeigt die Statistik. Zwei Drittel der Frauen sind italienische Staatsbürgerinnen, ein Drittel ausländische. Und die meisten Frauen, die 2022 abgetrieben haben, 57 Prozent, hatten vorher bereits Kinder. Das sind die Zahlen.

Hinter jeder Zahl verbirgt sich aber menschliches Schicksal. Wir als Gesellschaft dürfen nicht zulassen, dass solche Schicksale noch grausamer werden.