Ein beliebtes Spiel in der Bildungsarbeit für den Abbau von Vorurteilen und mehr Toleranz ist die Vorstellung, wie unsere Welt aussehen würde, wenn sie ein 100-Seelen-Dorf wäre. Tatsachen wie die, dass jede oder jeder Zehnte nicht lesen kann oder nur eine Person von 100 über die Hälfte des gesamten Besitzes verfügt, sollen zum Nachdenken anregen sowie Akzeptanz und Gerechtigkeit fördern.
Das Spiel fällt mir ein, wie ich am Strand sitze und die Badenden beobachte. Es befinden sich ungefähr 25 Menschen im seichten Meerabschnitt unmittelbar vor mir, und es gibt ordentlichen Wellengang. Da kommt einem etwa Elfjährigen die grandiose Idee, eine stylische Sonnenliege aus Hartplastik ins Meer zu ziehen, zur Luftmatratze umzufunktionieren und mit absolut unverhältnismäßigem Enthusiasmus darauf herumzureiten, sodass die anderen, vor allem die kleineren, Badegäste sich nicht nur vor den Wellen, sondern auch vor der plötzlichen Gefahr auf dem Plastikding in Sicherheit bringen müssen. Leider scheint der etwas pummelige Junge auch kein talentierter Ruderer zu sein, sodass das Teil ein paarmal riskiert, samt seiner Fracht auf den Köpfen der im Ausweichen begriffenen Kinder zu landen.
Nicht nur scheint sich der kleine Lauser seines fahrlässigen Verhaltens nicht bewusst zu sein, sein ihn begleitender Papa weist ihn weder darauf hin, noch versucht er, zu verhindern, dass sich jemand wehtut – sein Kind inklusive.
Am meisten beunruhigt mich aber die Tatsache, dass wir anderen 23 Badegäste den Mund nicht aufbringen, um den Jungen (oder wenigstens seinen Vater) auf sein rücksichtsloses Verhalten hinzuweisen. Lieber rennen wir hektisch und wortlos unseren Kleinen nach und klauben sie aus dem Wasser, sobald der kleine Rowdy ihnen zu nahe kommt. Wenn die Welt also ein Strandabschnitt mit 100 Menschen wäre, müsste ich meine ganze Hoffnung auf die fehlenden 75 Leute setzen.
von Bettina Conci | Schreibt Kolumnen, Kurzgeschichten, Kindgerechtes und Kontroverses