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Leitartikel
Wir zerstören, was wir lieben
Der Protest gegen Touristenschwärme zeigt: Etwas kippt. Wollen wir nicht, dass die Stimmung völlig umschlägt, müssen wir den Schwarm beschränken.
Georg Mair | 16. Jul 2025 | ff 29/2025

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ie Grundbesitzer, die auf der Seceda für ein paar Stunden Eintritt verlangt haben, haben die Gesetze des Marketing verstanden: kleine Provokation, größtmögliche Aufmerksamkeit. Die Nachricht, dass da jetzt ein Drehkreuz steht, das den Weg auf den Berg versperrt, wenn man nicht zahlt, hat sich international herumgesprochen (siehe Artikel ab Seite 32).

Die Aktion der cleveren Bauern ist eine gelungene Form des friedlichen Protests, auch wenn er sich, wie jeder wirksame Protest, mit Gesetzen oder stillschweigenden Übereinkünften reibt. Sie zeigt Wirkung.

Gerade an der Seceda oberhalb von St. Ulrich, einem der schönsten Flecken in den Dolomiten, bewahrheitet sich, dass Touristen zerstören, was sie lieben, was sie suchen, was sie schön finden; und was ihnen, auch von der Südtiroler Tourismuswerbung, als Idylle verkauft worden ist.

Südtirol ist ein Land mit hoher „Tourismusintensität“, wie es in der Fachsprache heißt; im Jahr 2023 gab es 68 Übernachtungen pro Einwohner. Noch dichter drängen sich die Gäste nur auf Mykonos oder Korfu.

Die Seceda ist einer der Orte, die viele Menschen schnell für ein Foto aufsuchen, ein Hotspot. Tourismus mordi e fuggi. Regeln werden dabei kaum beachtet: etwa nicht über die Wiesen zu trampeln oder keinen Müll zu hinterlassen. Es ist einer der vielen Orte in Südtirol, die überrannt werden. Im Sommer wie im Winter.

Die Aktion der Grundbesitzer verweist auf ein tiefer-
gehendes Problem. Den Überdruss an einem Tourismus, der die Menschen, die hier leben, bedrängt. Sie finden ihren Platz nicht mehr, kämpfen mit steigenden Lebenshaltungskosten, können sich keine Wohnung mehr kaufen, müssen zuschauen, wie Sportwagen und fette Motorräder über die Pässe dröhnen. Selbst können sie es sich kaum leisten, im eigenen Land Urlaub zu machen. So teuer ist Südtirol geworden.

Sieht die Politik die Zeichen, hört sie die Proteste?Eher nicht. Es besteht jedenfalls die Gefahr, dass die Stimmung endgültig kippt. Und dann hat die Tourismuswirtschaft ein Problem. Eine Branche, die innovativ ist, auf hohem Niveau arbeitet, das Land modernisiert hat und mit für den Wohlstand sorgt, in dem Südtirol lebt. Die sich aber nicht wirklich beschränken will.

Deshalb weist die Aktion auf der Seceda weit über den Anlass hinaus. Darauf, dass der Tourismus Grenzen braucht. Am besten wäre es, die Branche würde sich selbst beschränken. Mit Obergrenzen für Betten, Verkehr, Menschen und Werbung. Keine Woche vergeht, dass die Belastung durch den Tourismus nicht an einer anderen Stelle aufploppt.

Haben die Verantwortlichen das kapiert, in der Politik oder in der Tourismuswirtschaft? In der Theorie vielleicht. Wenn nicht, wird es weiterhin Protest geben. Und er wird stärker werden, wenn Reformen nur Lippenbekenntnisse bleiben, wenn Menschen im Land nur Nebendarsteller sind. Wir wissen alle, dass es den Tourismus braucht, er bringt Wohlstand, öffnet den Horizont, schafft Begegnung, aber …

Aber wehe, die negativen Seiten überwiegen, die Stimmung radikalisiert sich! Welcher Tourist will schon in ein Land, in dem ihm Ablehnung entgegenschlägt?