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Hundewahn: Der Köter
16. Jul 2025 | ff 29/2025

Letzthin unternahm ich eine längere Zugfahrt, am Platz schräg gegenüber saß eine Signora mit einem weißen, glupschäugigen Hund in Katzengröße an ihrer Seite. Wann immer jemand den Gang entlangging, wurde er vom Hund überfallartig mit scharfem Gekläff bedacht.

„VAFFAN****!“, entfuhr es kreidebleich der Zugbegleiterin, andere fassten sich an die Herzgegend, arglose Gesichter verwandelten sich in wie vom Schlag getroffene Grimassen. Es gab missbilligende Blicke, genervtes Gemurmel, aber keinen offenen Protest. Ob die Mitreisenden auch so ruhig geblieben wären, wenn ein Baby in dieser Frequenz geschrien hätte? Der Hund war augenscheinlich sehr zufrieden mit sich, wurde von Frauchen getätschelt und saß auf dem Sitzbezug wie ein ganz normaler Passagier.

So ist das heute mit den Hunden, sie haben Menschenstatus erreicht: Sie sitzen auf Sesseln und nicht darunter, sie sitzen in Einkaufswagen, in Wägelchen, die an Kinderwagen erinnern, und Passanten lächeln hinein, als läge ein Neugeborenes drinnen. Hunde bekommen Menschennamen, selbst zubereitetes Futter, Wellnessbehandlungen, und Hundepsychologen gibt es mittlerweile auch, was vermutlich mit den zuvor erwähnten Umständen zusammenhängt. Denn wenn man wie ein Kind behandelt wird, aber eigentlich doch ein Tier ist, ist das ja wirklich zum Jaulen. Pro 1.000 Einwohner kamen in Italien 2023 nur noch etwas mehr als sechs Kinder auf die Welt, die Geburtenrate geht ständig nach unten, während die Wauwaus immer mehr werden: 13,8 Millionen waren es im selben Jahr, und das sind nur die gechippten. Auf vier Menschen kommt ein Hund.

Ich blicke mit Neugier auf eine Gesellschaft, in der die Verzückung für die Vierbeiner im selben Maße zu steigen scheint, wie die Toleranz für Kinder abnimmt: Kinder sind laut, ungezogen und stören, Hunde sind süß, artig und relativ einfach zu händeln. Und es ist ja auch verständlich bei den Lebenshaltungskosten, Platzproblemen und Betreuungsengpässen, die wir haben, dass sich junge Paare lieber einen Hund als ein Kind zulegen. Ob die Hunde uns dann im Altersheim füttern oder für unsere Rente einzahlen, ist eine andere Frage.

von Alexandra Kienzl | Kolumnistin, Englisch-Lehrerin und ehemalige ff-Redakteurin