Die einen können das Wort schon nicht mehr hören, weil es oft generalisierend und im anklägerischen Ton verwendet wird. Die anderen nehmen es immer öfter in den Mund, um ein Gefühl des Zuviels auf den Punkt zu bringen: Die Rede ist von Übertourismus.
Dass dieser längst nicht überall im Lande herrscht, ist bekannt. Ebenso der hohe Stellenwert des Tourismussektors für Südtirols Wirtschaft und den lokalen Wohlstand. Doch die Eigendynamik des permanenten Wachstums hat Folgen – für Umwelt, Ressourcennutzung, Immobilien- und Wohnungsmarkt sowie die Lebensqualität der Einheimischen. Die bislang positive Tourismusgesinnung scheint sich schon seit geraumer Zeit zusehends in ihr Gegenteil zu verkehren.
Heute steht Südtirol vor der Herausforderung, „die Entwicklung auf einem für Natur, Klima und Gesellschaft verträglichen Niveau zu stabilisieren“, heißt es im Vorwort einer soeben erschienenen Studie des „Zentrums für politische Bildung und Studien in Südtirol“. Ihr Titel: „Alternativen zum Übertourismus. Mögliche Maßnahmen zur Begrenzung des Tourismus in Südtirol“. Die Studie geht davon aus, dass die tourismusintensivste Provinz Italiens und der Zentralalpen längst Systemgrenzen erreicht hat.
Studienautor Thomas Benedikter hat mit „Alternativen zum Übertourismus“ so etwas wie Empfehlungen für die Politik erarbeitet. Der Wirtschafts- und Politikwissenschaftler zeigt auf, was politisch Verantwortliche konkret tun können, um sozial- und umweltschädliche Auswüchse des Sektors einzugrenzen. Das offenbart für ihn ganz nebenbei natürlich auch die Schwachpunkte der lokalen Tourismuspolitik; demnach hat sie der von der Marktdynamik getriebenen Entwicklung bislang so gut wie freien Lauf gelassen.
Selbst das vor vier Jahren verabschiedete sogenannte „Bettenstoppdekret“, das die touristische Beherbergungskapazität deckeln sollte, hat sein Ziel bislang verfehlt – ja sie wurde durch eine fünfjährige Fristverlängerung für den Zubau neuer Gästebetten über den bisherigen Baustopp-Termin von September 2026 jüngst abgeschwächt: Fast in der Hälfte aller Gemeinden des Landes können demnach bestehende Betriebe erweitern oder neue Hotels (in bislang ungenutzten Tourismuszonen) gebaut werden.
Was also besagt die Studie?
Wissend, dass die Bezeichnung Übertourismus primär eine gefühlte Wahrnehmung ist, beschäftigt sich die Expertise zunächst mit den messbaren Phänomenen der Überbelastung – anhand konkreter Zahlen und Fakten. In der Folge zählt die Studie Regulierungsmaßnahmen in den von Übertourismus betroffenen europäischen Regionen und Städten auf. Nachfolgend einige Beispiele:
Barcelona:Die Bevölkerung wird regelmäßig über repräsentative Umfragen in die Gestaltung der Tourismuspolitik miteinbezogen; die Tourismusabgabe ist seit April auf bis zu 15 Euro pro Nächtigung erhöht worden; für einige zentrale Parks wurden für Nicht-Ansässige Gebühren als Zugangsbeschränkung eingeführt; seit 2020 werden keine neuen Lizenzen für touristische Kurzzeitvermietung ausgegeben, bestehende Lizenzen laufen 2028 aus; seit 2023 wird auf die Bewerbung der Stadt als Tourismusdestination verzichtet.
Lofoten (Norwegen): Der Bau neuer Hotels ist blockiert; seit 2020 gilt eine mit Bürgerbeteiligung ausgearbeitete neue Tourismusstrategie: Die Bevölkerung soll direkt und demokratisch in die Tourismuspolitik eingebunden werden. Seit vorvergangenem Jahr wird eine jährliche Klimabilanz erstellt, bis 2030 sollen die CO2-Emissionen um 60 Prozent gesenkt werden.
Les Arcs (Frankreich):Das zweitgrößte Wintersportzentrum Frankreichs (40.000 Gästebetten) hat den Bau neuer Beherbergungskapazitäten seit sechs Jahren gestoppt; auf Werbung außerhalb Europas wird verzichtet, ebenso auf weitere Aufstiegsanlagen.
Amsterdam: Verzicht auf jegliche aktive Tourismuswerbung; strenge Regeln für touristische Kurzzeitvermietung; Verbot von Hotelneubauten; Obergrenze für Touristen.
Balearen (Spanien):Seit 2022 Stopp für neue Hotels, bestehende Beherbergungsbetriebe können ihre Kubatur um maximal 15 Prozent erweitern, sofern die Bettenanzahl dabei um 5 Prozent reduziert wird. In Palma de Mallorca ist die Lizenzvergabe für plattformgestützte Wohnraumvermietung seit 2018 ausgesetzt.
Die Studie postuliert ausgehend von den Erfahrungen anderer Regionen und Städte 20 Vorschläge für Maßnahmen zur Begrenzung des Übertourismus – „obwohl derzeit nicht der politische Wille erkennbar ist, das Tourismuswachstum im Lande in den Griff zu bekommen“, wie es darin heißt (siehe untenstehenden Maßnahmenkatalog).
„Manche mögen die Vorschläge zu den Maßnahmen radikal empfinden; andererseits ließe sich auch fragen, ob sie denn überhaupt ausreichen“, so Studienautor Thomas Benedikter zu ff. Er habe den Blick insbesondere auf Maßnahmen gerichtet, die anderswo schon gesetzt wurden und die durchaus einschneidend seien, wie das Beispiel Barcelona zeige. Für ihn ist klar: Schon das vor vier Jahren erstellte „Landestourismusentwicklungskonzept 2030+“ (LTEK+) habe Wachstumsgrenzen eingefordert, doch die darin formulierten Ziele seien nicht ernsthaft verfolgt worden. „Vergessen wir also das Ganze?“, stellt Benedikter eine rhetorische Frage.
Eine in der Studie vorgeschlagene Maßnahme – die „Abschaffung des Guest-Passes“ – deckt sich mit einem abgeschwächteren Vorschlag des Team K., der vergangene Woche im Landtag versenkt wurde. Der Beschlussantrag sah vor, dass die Gültigkeit des Touristen-Gästepasses für öffentliche Verkehrsmittel auf das Gebiet beschränkt werden sollte, in dem sich die Unterkunft des Gastes befindet.
Es stellt sich also die Frage, wie realistisch die in der Studie beschriebenen Alternativen zum Übertourismus sind. „Wir können nur hoffen, dass die Politik die Sache endlich ernst nimmt, wenn sie die Tourismusgesinnung im Lande noch retten will“, so Benedikter.
De facto ist die derzeitige touristische Beanspruchung Südtirols auch nicht mit der Nachhaltigkeitsstrategie des Landes von 2019 vereinbar. Ebenso verhält es sich mit den im „Klimaplan Südtirol 2040“ verankerten Klimaschutzzielen. Man mag die eine oder andere der in der Studie aufgezeigten möglichen Maßnahmen als wenig realistisch bezeichnen. Und doch: Südtirol hat dringenden Handlungsbedarf.

