Ohne Europa wäre alles viel besser, probieren uns Populisten, Rechtsradikale oder Liebhaber von alternativen Fakten weiszumachen. Deswegen fordern sie zum Beispiel, aus dem Euro auszutreten; den Green Deal, mit dem Europa bis 2050 klimaneutral sein soll, aufzuheben; oder der EU gleich ganz den Rücken zu kehren.
Matteo Salvini ist einer von diesen Europaverächtern. Als Italiens Staatschef am Tag der Republik die Gemeinschaft der freien Völker Europas hervorgehoben hatte, forderte der Lega-Chef dessen Rücktritt. Der 2. Juni sei der Tag der Italiener, sagte Salvini, und nicht der europäischen Souveränität.
Dabei „vergessen“ Leute wie Salvini gerne zu erwähnen, um wie viel unfreier, ärmer und wehrloser wir ohne die EU wären. Das fängt schon bei der Währung an. Etwa 350 Millionen Menschen weltweit nutzen den Euro, in 20 der 27 Mitgliedsstaaten können wir mit ihm zahlen. Bei Fahrten nach Österreich oder Deutschland brauchen wir kein Geld zu wechseln, die Gebühren dafür fallen weg. Und wir müssen auch keine Angst mehr davor haben, dass Italien seine Lira über Nacht abwertet. Das ging seinerzeit ins Geld, zum Beispiel bei denjenigen, die im Ausland studierten.
Ohne Europa gäbe es auch keine gemeinsamen Grenzregeln. Dann müssten wir am Brenner wieder in langen Schlangen stehen, um nach Österreich einreisen zu dürfen. Allein um nach München zu kommen, müssten zwei „echte“ Grenzen passiert werden – Wartezeiten und Ärger inklusive.
Auch der EU-Binnenmarkt bringt uns so machen Vorteil. Der freie Verkehr von Waren, Personen, Dienstleistungen und Kapital lässt die Preise sinken. Die Unternehmen sparen sich einen Haufen Bürokratie und die Entrichtung von Zöllen und anderen Abgaben. Das bringt Vorteile, die die Nachteile – die es wie bei allen Dingen auch hier gibt – deutlich übersteigen.
Ohne Europa wäre jedes einzelne der 27 Mitgliedsländer ein winziger Fleck auf der globalen Landkarte. Handelsriesen wie China hätten mit Italien oder Österreich leichtes Spiel. Die EU ist hingegen eine globale Wirtschaftsmacht, die zum Beispiel auch auf eine bessere und gerechtere Handelspolitik einwirken kann – Stichwort Lieferkettengesetz.
Ohne Europa gäbe es kein Geld für den Wiederaufbau (PNRR) in Italien. Und wohl auch viel weniger Geld für die Landwirtschaft in Südtirol. Dann müssten wir mehr Mittel aus dem Landeshaushalt entnehmen, um vor allem die
Bergbauern zu unterstützen.
Sogar das Telefonieren wäre ohne Europa teurer. Erstens belebt Konkurrenz das Geschäft: Viele Anbieter lassen die Telefongebühren purzeln. Und zweitens gibt es da noch die Roaming-Verordnung. Wer sich im EU-Ausland aufhält, kann sein Smartphone zu denselben Tarifen nutzen wie zu Hause.
Und nicht zuletzt – und vor allen Dingen – ist die EU ein gigantisches Friedensprojekt. Wir leben seit bald 80 Jahren ohne Krieg in Italien, Österreich, Deutschland oder Frankreich. Das gab es in der langen Geschichte des Kontinents vorher eher selten. Um nicht zu sagen nie. Daher sollte, wer unsere Lebensweise in Europa schätzt, am 8. und 9. Juni wählen gehen. Wer es nicht tut, überlässt die Entscheidung darüber anderen – möglicherweise jenen, die der EU an den Kragen wollen.
