Neulich las ich in einem Südtiroler Online-Magazin eine Beschwerde darüber, dass viele Touristen einen Stadtspaziergang mit einer Wandertour verwechseln würden. Mit Funktionskleidung und Stöcken bewehrt, drängten sie in unsere urbanen Zentren, ohne sich darum zu kümmern, was dieser ungeheuerliche Anblick mit uns mache. Die Einheimischen sähen sich mit einer Einfallslosigkeit, die jegliche „figürliche Voraussetzung“ ignoriert, konfrontiert. Resultat: fulminanter Augenkrebs, sozusagen.
Das stand da so natürlich nicht, die mitgelieferten Schnappschüsse von modischen Fehltritten, keck von hinten aufgenommen, schmerzten aber tatsächlich. Noch mehr schmerzte, dass ich mich ertappt fühlte: Im Urlaub gibt bei mir der Schlabberlook den Ton an, Hauptsache bequem, und ich gebe zu, dass ich noch nie auch nur einen Moment daran gedacht habe, ob die Menschen „Freude und Inspiration“ bei meinem Anblick empfinden. Eigentlich ist es mir auch ziemlich egal, falls dem nicht so ist: Weil ich nämlich im Urlaub bin, und mir gerade dann ganz sicher nicht den Kopf darüber zerbrechen möchte, wie ich auf andere wirke. Urlaub bedeutet doch loslassen, Zwänge abstreifen wie zu enge Jeans, und rein in die Flipflops!
Karl Lagerfeld hat mal gemeint, wer Jogginghosen trage, habe die Kontrolle über sein Leben verloren. Ich finde, hin und wieder kann man zumindest outfitmäßig ruhig die Kontrolle verlieren. Außerdem hat Lagerfeld sein Vermögen seiner Katze vererbt, und wenn das nicht der ultimative Kontrollverlust ist, obwohl er sicher nie eine Jogginghose getragen hat, dann weiß ich auch nicht. Lieber eine Horde grellbunter, atmungsaktiver, kniebundbehoster Touris mit Lächeln im Gesicht als eine Armee aus dem Ei gepellte, aber griesgrämig guckende Lagerfelds. Und zuletzt: Wenn alle immer gut gekleidet wären, wie soll ich ästhetisches Urlaubs-Ärgernis dann noch auffallen, wenn ich mal wirklich Freude und Inspiration verbreiten will? Na eben.
von Alexandra Kienzl | Kolumnistin, Englisch-Lehrerin und ehemalige ff-Redakteurin