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NachhaltigkeitsLabel: Löcher im Käse
Anton Rainer | 7. Jun 2023 | ff 23/2023

Der Discounter meines Vertrauens, eine Aldi-Filiale in Reeperbahn-Nähe, verkauft seit Neuestem eine Käse-Spezialität. Sie kostet 2,80 Euro für rund 100 Gramm, wird in Nordrhein-Westfalen verpackt und trägt den stolzen kursiv gedruckten Namen: „Südtiroler Brotzeit“. Ich weiß nicht, wie viel Südtirol in dieser preußischen Jause steckt, aber das Etikett verspricht ein Bergbauern-Paradies. Als „Serviervorschlag“ zeigt der Hersteller: Wassermelone, Bier, Trauben, Picknick-Korb mit Baguette, dazu Croissants und Marmelade sowie eine sanft ins Bild flatternde Italien-Fahne. Was man eben so braucht für eine Südtiroler Marende.

Was ist echt an der Laktosebombe? Nicht viel, selbst das Prädikat „würzig“ ist eine infame Lüge, wie mein Gaumen bezeugen kann. Kuhmilch ist drin, sagt die Verpackung, immerhin – und bestimmt hat man das Kölner Rind auch einmal in den ÖBB-Nachtzug gestemmt, damit es die Südtirol-Kriterien erfüllt. Aber so ist das mit Etiketten. Sie schwindeln viel und gern, solange der Käse schmeckt.

In Südtirol kleben die Etiketten am ganzen Land. Anfang März stellte Landesrat Arnold Schuler ein „Nachhaltigkeitslabel“ vor. Jeder Campingplatzbetreiber, jedes Hotel kann sich bewerben/bekleben, wie ernst man die Sache nehmen muss, zeigte sich in Schulers Pressemitteilung: 31-mal „nachhaltig“. Will heißen: So viel Grün war noch nie. Die Farben des Etiketts reichen, Zitat IDM, „vom jungen, frischen Grün für das Anfangslevel 1 bis hin zum gesättigten, verwurzelten Moosgrün für das höchste Level 3“.

Grün ist die Hoffnung, grau der Asphalt. Ob sich das MeBo-Tuning-Treffen bereits auf das Nachhaltigkeitslabel beworben hat? Ich bin sicher, es wäre reine Formsache: Die Destination Alta Badia erfüllte die Kriterien für Level 3 schon vor der Präsentation des Labels, mittlerweile sind Gröden und Brixen nachgezogen – und der erste, strenge Indikator war die „Schaffung einer Arbeitsgruppe“. So wird der Käse endlich rund: Was sind 400 driftende Sportwagen, wenn nicht der größte Arbeitskreis des Landes?

von Anton Rainer | Redakteur im Ressort Wirtschaft beim Spiegel in Hamburg