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Familiendemo: Sag mir, wo die Männer sind
18. Jun 2026 | ff 22/2026

Italien ist ein Land der Widersprüche, aber anders, als uninspirierte Reiseführer das meinen. Nur hier lässt sich die Enkelin von Benito Mussolini freiwillig einsperren, um in TV-Haft „Promi Big Brother“ zu gewinnen. Nur hier brauchen Raucher, um Zigaretten zu kaufen, ausgerechnet eine Gesundheitskarte. Der größte Widerspruch aber zeigt sich wie immer in unseren Parlamenten: Alle dort lieben eine unparteiische Justiz – außer sie ermittelt im eigenen Umfeld. Dann hagelt es Selbst- und Fremdmitleid und seriöse Politiker schimpfen über Verfahren, als hätten sie einen Abschluss von der Berlusconi School of Justizschelte.

Um eins vorwegzunehmen: Natürlich sind Richter nicht unfehlbar, ihre Arbeit darf und soll kritisiert werden, auch von Leuten, die sie betrifft. Man muss es nicht gleich machen wie die Tageszeitung, wo ein Zeuge in einem Ermittlungsverfahren über den Beschuldigten im selben Ermittlungsverfahren schreibt und so zu einem erwartbaren Urteil kommt („Sündenbock“, „Bauernopfer“). Aber selbstverständlich steht es auch, sagen wir, Luis Durnwalder frei, sich als Leidtragender einer wild gewordenen Horde von Robenträgern zu betrauern. Nur: Wäre es von aktiven Politikern wirklich zu viel verlangt, zumindest ein Urteil abzuwarten, bevor man sich in die Litigation-PR stürzt?

Offenbar ja. SVP-Obmann Dieter Steger nutzte die vergangene Woche für einen Treueschwur zur Oberalp AG, mitten in einem laufenden Strafverfahren wegen Corona-Maskenlieferungen. „Es ist klar, dass hier niemand Profit gemacht hat“, sagte Steger, als wäre es seine Aufgabe, das festzustellen. Und selbst der stets vorsichtige Landeshauptmann ließ sich in der Causa „Grillbriketts aus Asche“ zu einem halben Urteil hinreißen: Er vertraue auf die Justiz, sagte er, aber auch darauf, dass die Mitarbeiter sich immer „korrekt verhalten haben“. War Schweigen keine Option?

Vielleicht könnte man diese Solidaritätsadressen der Exekutive leichter ertragen, wenn sie auch anderen – etwa einer von Anwälten bombardierten Presse – zuteilwürden. Aber das wäre wohl ein Widerspruch zu viel: Schließlich sitzt die Politik da allzu oft auf Klägerseite.

Es ist ja nicht so, dass keine dort gewesen wären: Bei der Familiendemo am Magnago-Platz sah man Väter, die Seifenblasen pusteten, und Opas, die Schilder hielten. Es waren aber eben bei Weitem nicht so viele Männer dort wie Frauen.

Wieso? Weil die Themen und Forderungen, für die man sich eingefunden hatte, nach wie vor Frauenthemen sind? Altersvorsorge, Kinderbetreuung, Vereinbarkeit, Entlohnung von Fürsorgearbeit und, und, und: Geht das nur die Frauen was an? Weil sie halt meistens diejenigen sind, die das Gros davon im Haushalt stemmen?

Nein, nein und nochmals nein. Wenn man Familie ist, dann sind das Themen, die beide Elternteile, ja das Umfeld darüber hinaus betreffen: Man(n) darf die Frau damit nicht alleine lassen, wenn er sich als wirklicher Partner versteht. Da genügt es nicht, dass man wohl Verständnis zeigt („Hosch’s schun streng“), sich dann aber doch lieber aufs Radl schwingt, als bei der Demo mitzumachen, weil das Wetter halt so schön ist.

Wie wichtig wäre es gewesen, dass sich dort auch ein Mann vor das Mikro stellt und Forderungen anbringt! Wie wichtig wäre es generell, dass mehr Männer für diese unbequemen Themen ihr Gesicht hinhalten und nicht nur pronti sind, wenn es darum geht, sich als medienwirksame Super-Daddys abfeiern zu lassen. Stattdessen sind es vorwiegend wir Frauen, die wir uns für Familienbelange stark machen müssen – neben all den Aufgaben, die wir ohnehin schultern.

Dass Familie und Kindererziehung in unseren Köpfen immer noch Frauensache ist, hat letzthin auch ein Interview mit der Unternehmerin Ruth Oberrauch eindrücklich schrecklich verdeutlicht. Arglos kam die Frage: „Sie haben zwei schulpflichtige Kinder: Wie wollen Sie da den Spagat zwischen Familie und Beruf meistern?“ Ich kann mich nicht erinnern, dass etwa einem Alexander Rieper oder einem Philipp Achammer jemals diese Frage gestellt worden wäre. Richtig wär’s.

von Alexandra Kienzl | Kolumnistin, Englisch-Lehrerin und ehemalige ff-Redakteurin