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Leitartikel
Die Lust am Verbieten
Die Aufregung um das Tuning-Treffen sollte uns hellhörig machen: Der große Bruder ist nicht weit – und handelt wie immer im Auftrag des Guten.

Es gibt so Dinge, da sind wir uns alle einig. Massentourismus zum Beispiel: igittigitt! Wollen wir nicht.

Aber was genau ist Massentourismus? Wo befindet sich die Grenze zwischen – sagen wir mal – einem nachhaltigen Tourismus (gut) und Massentourismus (schlecht)? Dass die Antwort auf diese vermeintlich einfache Frage alles andere als leicht ist, zeigt uns ein Event, das zuletzt für mächtig Aufregung gesorgt hat. Einige Stichwörter: „Tuning-Spektakel raubt Anrainern den Schlaf“, „Unverständnis für dröhnende Motoren“, „Hunderte Sportwagenfahrer donnern durch Südtirol“.

Es gibt Menschen, denen es Spaß macht, einen Cinquecento in eine Art Ferrari zu verwandeln: tief gesetztes Fahrwerk, phallisch aufgemotzte Auspuffrohre und so weiter. Tuning, nennt sich das. Ich persönlich finde Tuning -bescheuert, andere hingegen finden Tuning super. So ist das bei vielen Dingen.

Das Event wäre keine Zeile wert, hätte es nicht den denkwürdigen Auftritt von Arnold Schuler auf Rai Südtirol gegeben. Seine Einflüsterer dürften dem Tourismus-landesrat geraten haben: „Das ist ein heißes Thema! Das bewegt die Menschen! Da kannst du dich profilieren!“

Tuning? „Das passt nicht zu unserem Image“, positionierte sich Schuler in der Diskussionssendung Pro & Contra gleich auf der richtigen Seite – und sagte in der Folge Dinge wie „Südtirol ist kein Bauchladen, der alles bietet“, „solche Veranstaltungen sind aus der Zeit gefallen“, „Wir bemühen uns um Nachhaltigkeit, solche Events, bei denen Menschen sich gestört fühlen, gehören nicht zu unserem Tourismuskonzept“. Auf Nachfrage erfuhr man, dass das Tuning-Treffen ursprünglich im Safety-Park geplant war. Schuler: „Wir haben beschlossen, öffentliche Strukturen nicht für solche Veranstaltungen zur Verfügung zu stellen.“

Mein lieber Herr Landesrat: Kann beziehungsweise muss aus Ihren Darlegungen geschlossen werden, dass Events, „bei denen sich Menschen gestört fühlen“ könnten, in Zukunft verboten werden? Überlegen Sie gut, bevor Sie antworten. Mir fiele eine lange Liste von Dingen, Events und Tätigkeiten ein, die auf Ihrer Verbotsliste landen könnten: Wie wär‘s zum Beispiel mit den Fußballspielen des FC Südtirol, die jedes Mal ein ganzes Stadtviertel lahmlegen? Mit Alpenflair? Oder Olympia 2026?

Ich kann nachvollziehen, dass Schlagwörter wie Massentourismus und Klimakrise Politiker in Panik versetzen, im Sinne von: „Es muss etwas getan werden.“ „Wir müssen Zeichen setzen.“ Die Frage ist aber: Sind Verbote der richtige Weg? Braucht es zusätzlich zu den unsäglich vielen Verboten, die uns bereits das Leben erschweren, noch mehr Verbote? Alles, was nicht gesund, öko und nachhaltig ist, gehört verboten? Oder ist es die Aufgabe der Politiker, Rahmenbedingungen zu schaffen, damit Events, egal welcher Art, und Tätigkeiten, egal welcher Art, im geregelten Rahmen ablaufen?

Ein Land, das funktioniert, ist in der Lage, ein Fußballspiel ebenso zu handeln wie ein Tuning-Treffen. Nicht Großveranstaltungen sind ein Problem, sondern – wenn schon – unsere Unfähigkeit, sie professionell abzuwickeln.

Der große Bruder, der mir mit moralischem Getöse sagt, was erlaubt und was nicht erlaubt ist, hat mir immer schon Angst gemacht. Sind es Politiker, umso mehr.