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Am liebsten geradeaus
Beatrix Mairhofer ist seit vier Jahren Direktorin der Caritas. Wer ist die Ultnerin, die gerne lacht und die die wichtigste soziale Hilfsorganisation im Land leitet?
14. Mai 2026 | ff 20/2026
Beatrix Mairhofer im Stiegenhaus der Bozner Caritas-Zentrale: Frau Direktor liebt kräftige Farben, am liebsten Rot.

Foto: Ludwig Thalheimer

Wer zu Beatrix Mairhofers Büro will, muss Treppen steigen, selbst wenn der Aufzug die höchstmögliche Position schon erreicht hat. Eine Besonderheit im altehrwürdigen Haus Nr. 1 in der Bozner Sparkassenstraße, dem Hauptsitz der diözesanen Caritas. Man wird an das „geheime” Stockwerk in Umberto Ecos Roman „Der Name der Rose“ erinnert, das erst einmal gefunden werden muss. Zum Glück gibt es im Haus freundliche Menschen, die den Weg weisen.

Beatrix Mairhofer empfängt in einem geräumigen Dachbüro mit Sicht auf Schloss Maretsch. Hier, im Haus des ehemaligen Luxushotels „Grand Hotel Victoria“, wo zu k.-u.-k.-Zeiten Touristen aus ganz Europa in Seide und Samt logierten, werden heute soziale Projekte entwickelt, Hilfsangebote für Bedürftige ersonnen, zahlreiche soziale Dienste koordiniert. Ins Büro ihres Vorgängers ist die Direktorin nicht eingezogen. Dieses hatte sie mit seiner gitterartigen Absperrvorrichtung an eine „Zelle“ erinnert, erzählt Mairhofer. Ob an eine Klosterzelle oder eine Gefängniszelle, lässt sie offen.

Es ist Mitte April. Mairhofer ist seit Kurzem aus Nairobi zurück. Dort hat sie mehrere Schulstellen besichtigt, die die Caritas mitfinanziert. „Viele in Europa assoziieren mit Kenia hauptsächlich Urlaub und Safari. Man ahnt nicht, welche Armut in den Slums der Hauptstadt herrscht“, sagt Mairhofer. Während sich die Armen auf dem Land eine gewisse Würde bewahrt hätten, sei diese in den Slums buchstäblich im Dreck versunken.

Wer mit der Direktorin der Caritas ins Gespräch kommt, merkt alsbald: Sich für andere einzusetzen, scheint ihr nicht nur als Chefin einer Hilfsorganisation ein Anliegen zu sein. „Das war mir schon davor wichtig“, sagt sie. Davor, das ist die Zeit in der Politik ihrer Heimatgemeinde Ulten. 17 Jahre hat Mairhofer mit ihr zugebracht, zunächst eine Legislatur als Referentin, dann, zwischen 2010 und 2020, als Bürgermeisterin. „Als solche habe ich versucht, Entscheidungen zu treffen, die zum größtmöglichen Teil der Gemeinschaft, also der ganzen Gesellschaft in der Gemeinde zugutekommen“, sagt sie. Auf Forderungen von Lobbys, die dem entgegenstanden, sei sie nicht eingegangen. Mairhofer: „Ich war deswegen bei bestimmten Kreisen nicht besonders beliebt.“

Gut möglich, dass dies mit ein Grund war, warum es für sie zu keiner dritten Legislatur als Bürgermeisterin gereicht hat; im direkten SVP-Kandidatenduell gegen ihren damaligen Herausforderer, dem heutigen Ultner Bürgermeister Stefan Schwarz, zog sie bei der Gemeinderatswahl 2020 den Kürzeren.

Nicht immer sei Beatrix Mairhofer als Erste Bürgerin diplomatisch vorgegangen, vernimmt man aus Ulten. Sie sei stattdessen strikt regelkonform geradeaus marschiert, sagt eine Person, die sie im Gemeinderat erlebt hat. Man kann das als Prinzipientreue oder auch als mangelnde Kompromissbereitschaft werten. Ihrer politischen Karriere zuträglich war das nicht. Für Mairhofer kein Problem. Sie hat eigenen Angaben zufolge auch nie eine solche angestrebt.

Ein ehemaliges Gemeinderatsmitglied, das nicht mit Namen aufscheinen möchte, meint, dass sie – eingedenk juridischer Fallstricke – im Amte zuweilen zu sehr als Juristin denn als Pragmatikerin agiert habe. So sei von ihr oft der Spruch zu hören gewesen: „So sind die Regeln.“ Auch sei sie von bestimmten Erlebnissen ihres Vaters geprägt gewesen. Dieser war in den 1980er- und 1990er-Jahren zwei Jahrzehnte lang selbst Bürgermeister in Ulten gewesen.

Nach ihrer Abwahl zog sich Beatrix Mairhofer nicht etwa als beleidigte Leberwurst zurück, sondern wusste sich in die zweite Reihe einzureihen. So war sie noch zwei Jahre als Referentin tätig, ehe sie der Bischof 2022 als erste Frau in der Geschichte der Diözese Bozen-Brixen zur Caritas-Direktorin ernannte.

Die Rolle als Wegbereiterin scheint Mairhofer nicht zu missfallen, auch wenn sie nicht den Eindruck erweckt, zwingend Neuland betreten zu müssen oder – ungeachtet gesellschaftlicher Widerstände – kämpferisch die eigenen Vorstellungen umsetzen zu wollen. So etwas wie Beharrlichkeit lässt sich in der bisherigen Vita der 54-Jährigen jedoch durchaus erkennen.

Als Drittgeborene von fünf Geschwistern hat sie den akademischen Weg eingeschlagen, Rechtswissenschaften studiert und das Studium in Ermangelung ausreichender familiärer Mittel (der Bürgermeister-Vater war Lehrer, die Mutter Hausfrau) selbst finanziert. Sie wurde Anwältin und mit 38 Jahren ins Bürgermeisteramt gewählt. Dass sie bald nach ihrer Wahl ihr zweites Kind gebar und schon 14 Tage nach der Geburt wieder im Gemeindehaus erschien, um ihren amtlichen Aufgaben nachzukommen, hat im Dorf sowohl für Tratsch als auch für Anerkennung gesorgt.

„Es war eine Organisationsfrage, die ich dank der Unterstützung meines Mannes und meiner Schwestern sowie einer Tagesmutter lösen konnte. Ich war als Freiberuflerin bereits gewohnt, Kind und Beruf unter einen Hut zu bringen“, blickt Mairhofer auf jene Zeit zurück. Eine Zeit, die sie aber durchaus auch als schwierig bezeichnet.

Hinter vorgehaltener Hand sorgte der Doppelpart der frischgebackenen Mutter bei einigen Bürgerinnen für Verwunderung. „Es wurde mir nicht direkt ins Gesicht gesagt, aber den Vorwurf, eine Rabenmutter zu sein, habe ich schon deutlich gespürt, und zwar von Frauen. Frauen unter sich können sehr kritisch sein“, so Mairhofer.

Was sie von ihrer Zeit als Bürgermeisterin mitgenommen habe? Sie spricht von Zufriedenheit über das Geschaffte und erzählt von Erfahrungen, die sie nicht missen möchte. „Ich hatte aber nie den Anspruch, es allen recht zu machen“, klärt sie auf. Der Vater habe sich im Übrigen nie in die Amtsgeschäfte seiner Tochter eingemischt, er wusste, dass sie sich „nicht dreinreden lassen“ würde.

Als sie die Stellenausschreibung für die Caritas-Direktion sah, wusste Beatrix Mairhofer, dass damit vielleicht eine Arbeit verbunden ist, die ihr in idealer Weise entsprechen könnte. „Es geht darum, für die Menschen etwas bewirken zu können. Und das kann man an dieser Stelle“, sagt sie. Heute profitiere sie von ihren Erfahrungen als Gemeindeverwalterin. Frau Direktor managt eine Hilfsorganisation mit rund 280 festangestellten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die sich um rund drei Dutzend Dienste zu kümmern haben; hinzu kommen 90 saisonal Beschäftigte in den Sommerferien.

Die Wahrnehmung, dass individuelle Forderungen zunehmen, während der Gemeinschaftssinn abnimmt – die hat Mairhofer seit Längerem. Dies hat sie schon während ihrer Zeit als Gemeindepolitikerin konstatiert. Apropos Politik: Ihre Parteimitgliedschaft bei der SVP hat Mairhofer zu Beginn der Arbeit bei der Caritas aufgegeben. In ihrer derzeitigen Rolle gelte es, unabhängig und überparteilich zu sein.

Sie bezeichnet sich als eine Frau, die meistens klare Vorstellungen hat, was sie möchte, sie sei ein gewissenhafter Mensch, der bereit sei, seine Verhaltensweisen und Entscheidungen zu reflektieren. Sie sei nicht nachtragend, könne aber privat manchmal aufbrausend sein.

Wandern, Ski fahren und im Kirchenchor als Sopranistin mitsingen – mehr bleibe zeitbedingt an Freizeitaktivitäten nicht übrig.

Ihren Führungsstil bezeichnet sie als ausgleichend – mit dem Zusatz: „bis zu einem gewissen Punkt“. Pragmatisch zu sein, das lehre die Politik, meint sie.

Die Arbeit gefällt ihr nach wie vor sehr gut. Die größte Herausforderung sieht sie derzeit im Umstand, die sozialen Bedürfnisse mit den Notwendigkeiten und Möglichkeiten der Caritas-Dienste in Einklang zu bringen.

„Für sozial engagierte Menschen steht immer der Bedarf im Vordergrund, nicht die institutionellen Grenzen und Ressourcen“, sagt Mairhofer.

Die Frau pflegt eine freundliche Reserviertheit. Dass sie gerne lacht, erkennt man erst im zweiten Moment. Im Caritas-Haus gilt das Lachen mittlerweile als ihr Markenzeichen. Dabei hat man festgestellt, dass es durch leichte Nuancen auch schon mal als Kommentar zu werten ist.

Sich coachen zu lassen, so wie das etliche Führungspersönlichkeiten in Wirtschaft und Verwaltung tun, ist sich für Mairhofer bislang noch nicht ausgegangen – wenngleich sie sich gerade das schon länger vorgenommen hat.

Dass es Frauen in Führungspositionen nicht immer leicht haben, weiß sie nur zu gut – zumal in einer männerlastigen Organisation wie der Kirche.

Sie kann sich noch gut an ihr erstes Treffen mit den anderen regionalen Schwesterorganisationen im sogenannten Nord-Ost-Verbund der nationalen Caritas erinnern. Da traf sie auf eine gesetzte Herrenrunde, die vorwiegend aus Geistlichen bestand. „Mir wurde zum Teil schon ein sehr reservierter Empfang bereitet, aber nach ein paar Treffen hat sich das gelegt“, erzählt Mairhofer. Und lacht befreit auf. n

Die Rolle als Wegbereiterin scheint Mairhofer nicht zu missfallen, auch wenn sie nicht den Eindruck erweckt, zwingend Neuland betreten zu müssen.

Markus Larcher



Die 54-jährige Ultnerin ist mit vier Geschwistern in einer Arbeitnehmerfamilie aufgewachsen, hat Rechtswissenschaften studiert und arbeitete als Anwältin. 2010 wurde sie zur Ultner Bürgermeisterin gewählt und blieb es zwei Amtsperioden. Mairhofer ist Mutter zweier Kinder. 2022 wurde sie von Bischof Ivo Muser zur Direktorin der diözesanen Caritas bestellt. Als Direktorin leitet sie eine Organisation mit rund 280 hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, vielen Freiwilligen und saisonalen Kräften. Sie ist zudem Präsidentin der Stiftungen „Caritas Diözese Bozen-Brixen“ und „ODAR“.

Foto: Ludwig Thalheimer