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Leitartikel
Atomkraft? Lieber nicht!
Vor 40 Jahren ging das Kernkraftwerk Tschernobyl in die Luft. Es zeigte sich, was passieren kann, wenn den Menschen die Technik entgleitet.

In diesen Tagen vor 40 Jahren drangen erste Meldungen von einem „Unfall“ nach Mitteleuropa: Ein Reaktor im Kernkraftwerk Tschernobyl sei beschädigt worden, aber keine Angst: Man habe erste Maßnahmen zur Beseitigung der Folgen der Havarie ergriffen.
Was mit einem Aha-Erlebnis begann, steigerte sich im Laufe der Tage und Wochen zu einem Wellengang der Gefühle. Ungewissheit, Unsicherheit, Sorgen und auch Angst machten sich breit: Dürfen die Kinder weiterhin draußen spielen? Was können wir noch essen? Müssen wir die Milch wirklich wegschütten?
Tschernobyl ist zwar in gerader Linie 1.500 Kilometer von Bozen entfernt, doch plötzlich war das Atomkraftwerk sehr nah. Eine radioaktive Wolke war nach Norden gezogen, weshalb in Schweden zwei Tage nach dem Unglück Strahlungsalarm ausgelöst wurde. Dort wusste man wie im Rest der Welt außerhalb der Sowjetunion noch nichts von der Katastrophe.
Erst ab da begann die damalige Supermacht zuzugeben, dass etwas passiert sei im Kernkraftwerk Tschernobyl. Scheibchenweise kam das wahre Ausmaß der Katastrophe ans Tageslicht.
Als der Wind in den Tagen nach der Katastrophe nach Westen blies, traf die nukleare Wolke auch Südtirol. Sie verseuchte Pflanzen und Tiere mit radioaktiven Stoffen. Iod-131 und Caesium-137 wurden über Nacht gängige Begriffe. Und plötzlich war unser aller Leben bedroht.
Die zuständigen Behörden im Land riefen dazu auf, die Fenster geschlossen zu halten und im Haus zu bleiben. Kinder und Jugendliche sollten nicht mehr draußen spielen. Frisches Obst und Gemüse rührte man am besten nicht mehr an, weil strahlenbelastet. Genauso wie Pilze und Waldfrüchte. Und die Milch wurde gleich tonnenweise weggekippt. Man weiß ja nie.
Würde heute so ein Unglück passieren, wären die Maßnahmen dieselben. Denn gegen die unsichtbare Strahlung ist kein Kraut gewachsen. Nun, werden viele jetzt sagen, so etwas kann gar nicht mehr passieren, weil die Technik mittlerweile so sicher geworden ist, dass eine derartige Katastrophe ausgeschlossen sei. Tatsächlich?
Vor der Havarie hatten die Verantwortlichen, die Fachleute, die Politiker mit denselben Argumenten um sich geworfen: Kernkraft sei eine sichere Energiequelle, da könne nichts passieren. Ein Mann, der damals in Tschernobyl gearbeitet hat, sagte vor ein paar Tagen auf Rai Südtirol, der Projektleiter des Kraftwerks habe ihm damals erklärt, er und seine Frau könnten neben dem Reaktor ihr Bett aufstellen. So unbedenklich und sicher sei die Technik.
Die Katastrophe zeigt uns aber heute noch, was passieren kann, wenn den Menschen die Technik entgleitet. Der Ruf nach Atomkraft, der derzeit wieder lauter wird, erscheint vor diesem Hintergrund wenig gerechtfertigt. Denn die Folgen der Katastrophe sind bis heute spürbar.
Ein Gebiet rund um Tschernobyl, in etwa so groß wie Südtirol, musste für die menschliche Nutzung und Besiedelung aufgegeben werden. Das Krebsrisiko – vor allem bei der Schilddrüse – stieg für die Menschen in Osteuropa, aber nicht nur, drastisch an. Und auch in Südtirol sind erhöhte Caesium-137-Werte messbar, immer noch.
Diese Belastung mit Caesium-137 sei für die menschliche Gesundheit unbedenklich, sagen Fachleute heute. Das ist beruhigend. Trotzdem sollten wir uns das mit der Atomkraft gut überlegen. Und im Zweifelsfall besser die Hände davon lassen.