Zum Hauptinhalt
Kirchenbesuch: Der Geist geistloser Zustände
3. Mai 2023 | ff 18/2023

Kirchenbesuch

Der Geist geistloser Zustände

Als Agnostikerin meide ich Gotteshäuser eigentlich seit Jahren, aus Angst, beim Tritt über die Schwelle zu Staub zu zerfallen. Was, wenn er oder sie nämlich doch existiert, alles sieht und womöglich nicht ganz so barmherzig ist, wie uns Herr Bacher, unser Kooperator in der Volksschule, weismachen wollte?

Neuerdings kommt es allerdings öfter vor, dass ich mich in Kirchen herumtreibe. Besonders im Frühling geht es dort aber auch besonders stimmungsvoll zu. Blumengeschmückte Altäre, Ostergräber mit bunten Glaskugeln, allgemeine Erleichterung nach dem Ende der Fastenzeit und zahlreiche Feiern wie Erstkommunion und die ersten Hochzeiten stimmen zunehmend milde, ja, sogar festlich. Auch wenn ich absolut kein Fan institutionalisierter Religion bin und echte Nächstenliebe jederzeit einem heruntergeleierten Glaubensbekenntnis oder lieblos abgelesenen Korintherbrief vorziehe, muss ich sagen, dass so ein Kirchenbesuch durchaus etwas Erhebendes hat. Egal ob, an was oder wie sehr man nun glaubt.

Vielleicht liegt dieser neuen Gutmütigkeit gegenüber der für unser heiliges Landl charakteristischen Zurschaustellung echter und schlecht gespielter Bigotterie die Erkenntnis zugrunde, dass Rituale in vielen anderen Bereichen unseres täglichen Lebens keine Rolle mehr spielen. Ständig werden Grenzen übertreten und Begrifflichkeiten weiter gefasst, Autoritäten hinterfragt und Prinzipien überworfen.

Da ist es doch tröstlich, wenn wenigstens die Gottesdienste dem immer gleichen Ablauf folgen, uns bei der Bewältigung des ganz alltäglichen Wahnsinns helfen und Werte schützen, deren Vermittlung den Institutionen Familie, Schule und Politik immer weniger gelingt.

Bettina Conci | Schreibt Kolumnen, Kurzgeschichten, Kindgerechtes und Kontroverses