Es war eine unschöne Szene: Da parkte ein bundesdeutscher Camper notgedrungen auf zwei Stellplätzen im Ortszentrum und wurde prompt von einem Passanten gemaßregelt: „Jo i tat frisch no mehr Parkplätze besetzen!“
„Was soll ich machen?“, entgegnete hilflos der gerügte Camper-Besitzer, und erhielt einen schonungslosen Ratschlag vom Einheimischen: „Wieder aussi hintern Brenner fohren!“ Der Tourist war wie vom Donner gerührt, ich war es auch: hin-und hergerissen, zwischen dem Aggressor beruhigend (aber doch auch ein wenig anerkennend, ich gestehe) auf die Schulter zu klopfen und andererseits dem Angegriffenen tröstend zu versichern: So sind wir nicht, noch nicht, aber: Ihr seid halt oft so viele.
Es mag ein bedauerlicher Einzelfall sein, wir haben gottlob keine Massendemos gegen den Tourismus oder eine großflächige diagnostizierte Touristenphobie wie auf den Kanaren, und doch kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass immer mehr Menschen genervt sind von den Gästen. Der oben beschriebene Wüterich war rein optisch kein auf Krawall gebürsteter, camperhassender Ökosozialer, sondern der Typ netter Opa. So einer, von dem das Marketing unsere Gäste glauben machen möchte, er lade sie spontan auf dem Dorfplatz zu einer Speckmarende in seine Stube ein, wo er doch in Wirklichkeit das Speckmesser viel lieber zum Tourireifen-Aufstechen zweckentfremden würde.
Was hat den Mann bloß so in Rage gebracht? Dass manche Orte wirklich gesättigt sind von Urlaubern, obwohl es zweifellos andere gibt, die mehr vertragen könnten? Dass der HGV verkündet, die Auslastung liege erst bei 40 Prozent (man möge mir diese Rechnung erklären) und es gebe noch „Luft nach oben“? Dass Tourismustreibende stets Dankbarkeit („bringen Wohlstand!“) und Differenzierung („die Parahotellerie!“) bei der Bevölkerung einfordern, wobei Letzteres an falscher Stelle deponiert ist und Ersteres umgekehrt vonnöten wäre: Warum nicht mal unsere Gastfreundschaft als ebenso kostbare Ressource wie die Natur oder die Kulinarik betrachten und alles daran setzen, sie zu erhalten?
Wem nur mehr ablehnende Gesichter begegnen, den kann auch die schönste Landschaft nicht mehr erfreuen.
von Alexandra Kienzl | Kolumnistin, Englisch-Lehrerin und ehemalige ff-Redakteurin