Sibylle Franzinelli, Bozen:
Seit Wochen beunruhigt mich nicht nur das Virus. Mich beunruhigen ineffiziente Maßnahmen, Hubschrauber- und Drohnenkontrollen, am liebsten auch noch Smartphonetracking. Mich beunruhigen die Freude der Bevölkerung über autoritäre Führungskräfte, der Wunsch nach Militär auf den Straßen, die Denunzierungen durch Nachbarn. Die Strafen, Strafen, Strafen. Mich beunruhigen die wachsende häusliche Gewalt, die zunehmende aggressive Stimmung, die neuerliche Wirtschaftskrise und Armut und soziale Vereinsamung. Mich beunruhigt die Angst vor Kritik.
Heute beunruhigt mich vor allem die Orientierungslosigkeit der Politik. Eigentlich ärgert sie mich. Nach über vier Wochen sind weder konkrete Maßnahmen noch ein Ende in Sicht. Der Bozner Bürgermeister führt derweil eine 200-Meter-Grenze ein und übergeht die erbrachten Opfer eines Großteils der Bevölkerung. Er nutzt seine Macht, weil er es kann. Ohne Verhältnismäßigkeit oder Sinnhaftigkeit. Dabei wird die Verordnung die Zahl der Bozner Infizierten wohl kaum beeinflussen und den samstäglichen Ansturm auf Geschäfte nicht verhindern, ganz im Gegenteil. Aber diese Machtausübung ist gesetzlich legitimiert und somit rechtens beziehungsweise richtig. Das reicht heutzutage anscheinend aus.
