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Der Reisepass: Ich passe
3. Apr 2024 | ff 14/2024

Letzthin saß ich mit Freundinnen zusammen, wir hatten es nett, doch ehe ich michs versah, ging es darum, wie man möglichst schnell zu einem Reisepass kommt. Wir hatten schon sexyere Themen, aber gut, man wartet zurzeit ja wirklich lang darauf. „Wo fahrt ihr denn hin?“, wollte ich wissen. Die Antwort war: „Nirgends. Aber man weiß ja nie.“ Ich solle schnell einen Termin in Mals machen, da warte man derzeit nur ein paar Monate. Nun muss man wissen, ich habe kleine Kinder, ich komme nirgends hin, für mich ist eine Fahrt von Meran nach Bozen schon eine Expedition. Wenn ich einen Pass hätte, er würde zu Hause verstauben. „Wieso soll ich nach Mals fahren, um etwas zu holen, das ich nicht brauche?“, fragte ich. „Dann hast du halt einen. Man weiß ja nie.“ Wenig später erzählte mir ein Bekannter total aufgeputscht, wie er unverhofft einen nahen Termin für die Ausstellung des Reisepasses ergattert habe. Das ist ja wirklich ein Ding mit diesen Pässen, dachte ich. „Wo fährst du denn hin?“ „Nirgends. Aber man weiß ja nie.“

Ich fühlte mich an die Zeit der Lockdowns erinnert, als man manisch Klopapier kaufte, weil sonst kaufen’s die anderen, so, als habe der Toilettengang plötzlich alle verbotenen Freizeitaktivitäten ersetzt. Man weiß ja nie. Vielleicht ereilt einen der galoppierende Durchfall, und man steht ohne Klopapier da, während die Nachbarn nach Herzenslust verschwenden, das wollte natürlich niemand. Und jetzt will natürlich niemand, dass man vielleicht eine Übersee-Kreuzfahrt in der Lotterie gewinnt, die man nicht spielt, und dann nicht fahren kann, weil man keinen Reisepass hat, weil man zu faul gewesen ist, nach Mals zu fahren.

Mir kamen Zweifel. Aber dann habe ich recherchiert: Falls ich den Nobelpreis gewinnen würde, käme ich auch ohne Reisepass nach Stockholm. Und mein immer nur halbherzig angedachter USA-Trip wird nach dem 5. November möglicherweise ohnehin in noch fernere Zukunft rücken. Deshalb riskiere ich es, bleibe vorerst reisepasslos und komme mir wahnsinnig draufgängerisch dabei vor. Dass die Anfragen um einen Pass im Vergleich zum Vorjahr um 30 Prozent gestiegen sind, wundert mich nicht.

von Alexandra Kienzl | Kolumnistin, Englisch-Lehrerin und ehemalige ff-Redakteurin