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Die „natürliche“ Familie: Wie in der Steinzeit
29. Mär 2023 | ff 13/2023

Früher, als die Männer sich morgens mit ihrem 15 Kilo schweren Geschlecht behände auf ein Mammut schwangen (anstatt in einen SUV), nachdem sie ein Liter Erdöl runtergestürzt hatten (anstatt Hafermilch), um anschließend barfüßig gegen Gorillas zu kämpfen (anstatt gegen Gendersternchen), da war die Welt noch in Ordnung! Und zwar in einer „natürlichen“ Ordnung!

Er Jäger, sie Sammlerin, er Vater, sie Mutter. Da ist es doch erleichternd, dass in einer Welt voller Fastfood, Mikroplastik und Social Media immerhin die Familie steinzeitlich bleibt! „Ja zur ,natürlichen‘ Familie, nein zur LGBTQ+ Lobby“, hat Giorgia gesagt, und jetzt beschneidet ihre Gang die eh schon mickrigen Rechte der Regenbogenfamilien weiter. Unter anderem stimmten sie gegen eine Verordnung der EU zur grenzüberschreitenden Anerkennung gleichgeschlechtlicher Eltern. Das alles geschieht auch zum Schutze „des Körpers der Frau“, hört man Alessandro Urzì sagen, und da kann man als Frauenkörper aufatmen, denn wenn sich ältere, weiße Politiker um unsere Körper sorgen, hat sich das in der Geschichte ja bekanntlich immer bewährt.

Apropos Geschichte, da war man in der Steinzeit weiter als unsere italienischen Politikerinnen und Politiker heute: Denn das mit der „natürlichen“ Familie ist natürlich Bullshit. Tatsächlich waren viele frühe Gesellschaften egalitär, Frauen auch Jägerinnen und die Kinder wurden nie von einem Mann und einer Frau allein großgezogen. Dass man das lange glaubte, ist der Rückprojektion der bürgerlichen Lebenswelt der männlichen Wissenschaftler geschuldet. Denn während es für die Zeugung zwar eine Samen- und eine Eizelle braucht, sind Familienformen seit jeher natürlich divers.

Bräuchte jemand trotzdem noch einen Beweis, gibt’s repräsentative Studien, die belegen: Kindern gleichgeschlechtlicher Eltern geht’s gut. Der schulische und berufliche Werdegang ist normal, keine erhöhte Neigung zu emotionalen Unsicherheiten, im Gegenteil: Sie haben statistisch gesehen ein höheres Selbstwertgefühl als Kinder heterosexueller Paare. Es ist also völlig wurscht, wie viele X- oder Y-Chromosomen die Eltern haben. Hauptsache ist, man ist kein Arschloch.

von Barbara Plagg | Wissenschaftlerin, Unidozentin und Autorin