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Russland und Ukraine: Den Krieg verlernen
22. Mär 2023 | ff 12/2023

Vorweg ein Geständnis: Auch ich habe den Friedensappell von Alice Schwarzer und Sahra Wagenknecht unterschrieben. Als einer von angeblich 600.000. Kürzlich habe ich selber in einer Fernseh-Sendung den Ukraine-Krieg angesprochen und für Verhandlungen geworben. Mit Bedacht zurückhaltend, alles verpackt in milde Papstworte, fällige Gedenktage und Vorfreude auf Ostern. Und dennoch: Ich hatte unterschätzt, wie leicht man sich mit für-den-Frieden-sein Feinde machen kann. „Verlogen“ oder „verantwortungslos“ waren die liebenswürdigsten Rügen.

Einer, den ich für einen Freund halte, nannte mich „Friedensschwurbler“. Die Betitelung gibt es bei uns nicht, er muss sie aus dem Spiegel haben. Der macht nämlich alles nieder, was von seiner bellizistischen Blattlinie abweicht. Einen „Egoisten“ hieß mich ein Anderer. Ein Ego-Pazifist sei ich. Im Sinn, ich wolle meine Ruh‘ haben. Gemeint: während tapfere Ukrainer für mich vor Bachmut sterben.

Ich verstehe die Erregung. Es ist Krieg. Und den Frieden, für den ich warb, wollen ja alle. Aber genau diesen – und nur diesen! – zu wollen, wird mir am meisten vorgeworfen. Ich würde keinen Vorschlag machen, keine Alternative aufzeigen zum Abwehrkampf gegen Putins Überfall. Der Vorwurf ist unfair: Für Verhandlungen reden darf nur, wer weiß wie, mit wem und zu welchen Bedingungen. Wir alle anderen haben das Maul zu halten.

Mich ängstigt, wie wenig bei uns über den Krieg diskutiert wird. Ist es Angst? Berechnung? Hoffentlich nicht nur Gleichgültigkeit. Ist er doch von tragischer Symbolhaftigkeit: Wir feiern mit den Oscars das große Anti-Kriegsdrama „Im Westen nichts Neues“, und gleichzeitig wird in der Ukraine die Tragödie real nachgespielt. Antje Vollmer, Pazifistin gebliebene deutsche Grüne, ist letzte Woche gestorben. Zum Abschied schrieb sie: „Wer unsere Welt wirklich retten will, muss den Hass und den Krieg gründlich verlernen“. Verlernen! Eine Kunst, die wir lernen sollten.

von Florian Kronbichler | Journalist, ehemaliger Chefredakteur der ff