Es war im Frankreich-Urlaub vor einem Jahr, als ich ernüchtert feststellte: „So, jetzt ist es passiert. Von nun an gefallen mir wohl ältere Männer besser als jüngere.“ Mein Mann sah mich überrascht an, ehe er meinem resignierten Blick folgte und das junge Pärchen auf der anderen Straßenseite entdeckte. Er grinste verständnisvoll: „Der Schnauzer, gell?“
„Schnauzer“ war ein Euphemismus für das, was sich auf der Oberlippe des trainingsbehosten Jünglings mit Fischerhut und Fake-Goldkette mühsam an die Oberfläche kämpfte, um jeden Millimeter ringend. Der Trend zum Flaum war ja 2022 nichts Neues mehr, allerdings bei der französischen Männerwelt unter 35 geradezu eine Obsession, egal wie spärlich, unregelmäßig und ungepflegt derselbe sich dem ungeübten Auge auch darbot. Fast schon Mitleid regte sich, sobald einem dann noch die schräge Selbstwahrnehmung der stolzen Rotzbremsenträger auffiel. Die nämlich wähnten sich Tom Selleck, während sie aussahen wie Rudi Völler.
Unter den Oliba-Trägern gibt es natürlich feine Nuancen, je nach Dichte, Länge und Breite des Schnurris. Zum Schreien der letzte selbige, gesehen vor Kurzem im Pariser Untergrund: ein Pencil moustache, wie ihn weiland Salvador Dalí rockte, passend gestylt mit getupfter Fliege und Hosenträgern. Als was sich der junge Herr identifizierte (Minnie Maus auf LSD?), blieb unklar. Aber da erstens die Fashion Week nicht weit und der Gute zweitens kein Einzelfall war, schließe ich daraus, dass der Trend in alle Altersklassen und wohl bald auch in unsere Gefilde Einzug halten wird. Wie toll wäre denn bitte eine Gesichtsbehaarungs-Battle zwischen Arno Kompatscher und Philipp Achammer im Südtiroler Spätsommer 2023?
von Bettina Conci | Schreibt Kolumnen, Kurzgeschichten, Kindgerechtes und Kontroverses