Dass der Wolf Menschen auffrisst wie Rotkäppchen und dessen Großmutter, ist nur in Märchen möglich; dass er sieben Geißlein verspeisen könnte, klingt dagegen realistisch. Ich selbst bin in einsamen Wäldern auf der Iberischen Halbinsel Wölfen begegnet und kehrte jedesmal unversehrt nach Hause zurück. Etwa stand ich inmitten eines dunklen Eibenwaldes drei Wölfen gegenüber, die sich etwa 30 Meter von mir entfernt auf einer Lichtung aufhielten; ich blieb stehen, sie nahmen meine Anwesenheit sehr wohl wahr, sahen sich gegenseitig an und machten kehrt. Tage später gewahrte ich einen Wolf in geringerer Entfernung, der auf einem holprigen Karrenweg mit der Schnauze einer Fährte folgte; als er mich bemerkte, nahm er fluchtartig Reißaus. Von diesen Erlebnissen her kann ich nur bestätigen, dass Wölfe von Natur aus scheue Tiere sind.
Bauern und Hirten aus der nordiberischen Region Kantabrien erklärten mir, dass Wölfen Menschenfleisch aufgrund des zu süßen Geschmacks nicht bekömmlich wäre und dass diese Tiere nur in Winternächten von den verschneiten Bergen in die grünen Küstenebenen kämen, wo Nutztiere das ganze Jahr über bei Tag und Nacht im Freien weideten und sich daran schadlos hielten. Dass Landwirte angesichts der Rückkehr des Wolfes in unsere Täler um ihren Viehbestand besorgt sind, kann ich verstehen; was meine persönliche Sicherheit betrifft, wäre ich wegen des Einwanderns von Wölfen nicht im Geringsten beunruhigt.
Georg Lezuo, Bozen
Er ist wieder da
Abschießen oder schützen? Der verbissene Streit um die Wölfe in Südtirol. Titelgeschichte in ff 10/17
