Krieg in der Ukraine: Eine gewisse Abstumpfung gegenüber immer wiederkehrenden Hiobsbotschaften ist der psychischen Hygiene zuträglich. Dies gilt natürlich insbesondere für Negativschlagzeilen, Tragödien, eigentlich für alles Hässliche, das uns immer und immer wieder begegnet und jedes Mal bis ins Mark erschüttern müsste: Fake News, Korruption, Terroranschläge, Amokläufe, Femizide, Klimakrise, Krieg.
Deprimiert uns das alles nicht, haben wir uns daran gewöhnt. Der Fachbegriff dafür ist Habituation: Ein Reiz, der immer wieder in gleicher Form auftritt, wird nicht mehr oder nur mehr geringfügig wahrgenommen. Wenn man sich nun die Waffenkontrollen an den Eingängen US-amerikanischer Schulen ansieht, die verharmlosenden Aussagen von Personen des öffentlichen Lebens zur Klimakatastrophe oder die Unbekümmertheit, mit der ansonsten historisch eher unbedarfte Mittelschüler blutrünstige Kriegstreibervideos auf Tik Tok die Runde schicken, scheint es offensichtlich, dass sich der Mensch an so ziemlich alles gewöhnen kann. Um es mit dem Dramatiker Eugène Ionesco zu sagen: „Wer sich an das Absurde gewöhnt hat, findet sich in unserer Zeit gut zurecht.“
Die einzigen Reize, die nicht habituieren, sind Schmerzreize. Ein Ereignis muss also nur so richtig wehtun, damit wir uns nicht daran gewöhnen, sondern vielmehr sensibilisiert werden. Ich dachte bereits 2015, dass wir einen solchen Punkt erreicht hätten – als der leblose Körper des zweijährigen Alan Kurdi an der türkischen Küste angeschwemmt wurde. Acht Jahre später sind 20.000 weitere Menschen im Mittelmeer ertrunken. Und Putin feiert den ersten Jahrestag seiner „Spezialoperation“; sie hat Schätzungen der UN zufolge mehr als 7.000 Tote unter der ukrainischen Bevölkerung gefordert, darunter 438 Kinder.
von Bettina Conci | Schreibt Kolumnen, Kurzgeschichten, Kindgerechtes und Kontroverses