There is a crack in everything“, so lautet eine Liedzeile des kanadischen Songwriters Leonard Cohen. Es geht ein Riss durch alle Dinge. Solche Risse ziehen sich auch durch Südtirols Gesellschaft. Das war immer schon so, und so eben auch heute. Weil diese Bruchstellen nun einmal immer dort entstehen, wo Interessen und Werte aufeinanderprallen, wo Gegensätze sich verschärfen.
Wenn nun am vergangenen Sonntag Lilli Gruber, Reinhold Messner und Josef Zoderer das Ehrenzeichen des Landes Tirol erhalten haben, dann sollte damit einer dieser Risse gekittet werden. Das ist ein nobler Einfall, er kommt nur um Jahrzehnte zu spät. Wirklich mutig wäre es gewesen, diese drei in jenen Zeiten zu ehren, als sie am meisten angeeckt sind, als sie Salz in die Südtiroler Wunden streuten und unbequeme Fragen stellten. Eben als sie es waren, die im starren und verkrusteten Südtirol die Risse öffneten.
Eine Ehrung zu einem früheren Zeitpunkt hätte Südtirol dabei geholfen, sehr viel früher das Andersdenken, das Anderssein zu akzeptieren. Sie hätte zwischen Gegensätzen vermittelt und dadurch Spielräume geschaffen, um einander offen zuzuhören und einen kritischen Diskurs zu führen. Stattdessen wurde abgegrenzt, ausgegrenzt und abgewertet.
Mit Gruber, Messner und Zoderer sind drei streitbare, gesellschaftskritisch engagierte Persönlichkeiten geehrt worden – und das ist gut so! Jetzt aber so zu tun, als ob mit dieser Ehrung endlich auch das „andere Südtirol“ seinen Platz finden würde, greift zu kurz. Die drei stehen für ein Südtirol, das es immer schon gab. Und heute gehören sie längst selbst zum Establishment, gegen das sie einst anrannten. Wer ist heute das „andere Südtirol“? Sind es die Impfgegner? Die Klimaaktivisten? Das ist ein ketzerischer Gedanke. Aber ebensolche brauchen wir, wenn wir weiterkommen wollen. Um Südtirol zu einem offenen, toleranten Land zu machen, braucht es mehr als salbungsvolle Ehrungen. Diese sind nur Fassade einer demokratischen Geschlossenheit.
Risse sind eben auch was Positives. „That’s how the light gets in“, so geht Cohens Liedzeile weiter. Durch sie dringt Licht in die Gesellschaft. Eine Gesellschaft, die es aushält, sich zu hinterfragen, kann wachsen. Hierin liegt der Reiz.
