Und plötzlich stehe ich auf einer Bierbank im Festzelt und singe mit. Einige junge Frauen und Männer waren schon oben, die Stimmung ist ausgelassen. Lars, mit dem ich kurz quatsche, sagt, er und seine Freunde möchten einfach den Moment genießen. Olympia erlebe man nicht alle Tage. Da könne man schon mal die Sau rauslassen.
Das ist Antholz, wie es leibt und lebt. So kenne ich es aus der Vergangenheit, von den Weltcup-Rennen und den nächtlichen Partys, die einst in Garagen und Kellern im Dorf stiegen. Heute feiert man am nördlichen Dorfrand, wo man eigens ein paar Hütten und das Südtirol-Home aufgestellt hat. Das kann man mögen. Früher war’s halt irgendwie uriger.
Doch heute bin ich hier, um das Winterspiel-Debüt in Antholz mitzuerleben. Olympia „dahoam“ zu schauen, das muss doch ganz etwas Besonderes sein. Und wirklich: Vom Gaudi-Dorf aufwärts bis zur Arena läuft alles ganz wunderbar.
Im Stadion kocht die Stimmung über, als „unsere“ Doro (Wierer) und „unser“ Luki (Hofer) die Silberne holen, gemeinsam mit zwei längst Eingemeindeten: Lisa Vittozzi stammt aus Sappada/Pladen, einer deutschen Sprachinsel im Friaul. Tommaso Giacomel kam in Sterzing zur Welt, besuchte die Sportoberschule in Mals und beherrscht den Südtiroler Dialekt vortrefflich.
Und auch mit Frankreich auf der Eins und Deutschland auf der Drei sind die meisten Fans in der Biathlon-Arena sehr zufrieden. „19.000 Zuschauer, interna-
tionale Prominenz und Sport auf höchstem Niveau: Mit dem ersten Renntag hat das Pustertal eindrucksvoll bewiesen, dass es bereit ist für die olympische Bühne.“ Diese Zeilen schreibt das Portal Sportnews.bz tags darauf über einem Interview mit dem Antholzer Biathlonchef Lorenz Leitgeb. Es habe zwar einige „Wehwehchen“ gegeben „wie etwa die Verkehrssituation“, sagt er, aber sonst sei alles super angelaufen. Tatsächlich?
Spulen wir noch einmal zurück auf Sonntagmorgen. Aufstehen. Frühstücken. Um 10 Uhr Abfahrt nach Antholz. Normalerweise braucht man mit dem Auto dafür eine Stunde und 15 Minuten. Heute jedoch reise ich mit den Öffis an, weniger wegen der Nachhaltigkeit und mehr wegen des befürchteten Staus auf der Pustertaler Straße.
Auf dem Bahnhof in Waidbruck steige ich um 10.18 Uhr in den Zug, in dem mein Kollege Alex Alber bereits sitzt. Die Fahrt nach Franzensfeste verläuft ruhig, auch der Umstieg in die Pusterer Bahn gelingt ohne Umschweife. Neben mir sitzt eine Amerikanerin, die gespannt auf die Abfahrt hinfiebert. Überhaupt füllt sich der Waggon langsam mit Fans, die zum Biathlon möchten.
Plötzlich beginnt die Fahrt zu ruckeln. In Ehrenburg bleibt der Zug stehen, zehn Minuten lang passiert nichts. Aber egal, in Bruneck muss er sowieso 15 Minuten pausieren – warum auch immer –, da holen wir das locker wieder auf. Dann setzt sich unser Gefährt wieder in Bewegung. In Bruneck bleiben wir dennoch 15 Minuten stehen, keine Info, ist einfach so.
Immerhin hat die Damenabfahrt inzwischen begonnen, das macht die Wartezeit kurzweiliger. Dann startet Lindsey Vonn. Nach ein paar Sekunden kommt sie aber zu Sturz und die Amerikanerin schlägt die Hände vors Gesicht: „Oh my god!“ Olang erreichen wir mit einer Viertelstunde Verspätung und steigen aus. Hier die nächste Überraschung: Hunderte Fans warten vor dem und rund um den Bahnhof auf einen Shuttle-Bus, aber keiner ist da.
Vorne und hinten stehen ein paar völlig überforderte Polizeikräfte und Leute vom Organisationsteam, die nicht wissen, was sie tun sollen. Das rufen sie einander auch zu: „Che facciamo?“ Die verzweifelte Antwort: „Non lo so.“ Dann schaffen zwei eine eiserne Absperrung heran und haben offensichtlich keine Ahnung, was sie damit anfangen sollen.Irgendwann brabbelt einer von ihnen entschuldigend in die Menge: Wegen des Staus auf der Pustertaler Straße würden auch die Busse feststecken. Viele Leute fassen sich an den Kopf: Dass es da stauen würde, war wirklich nicht zu erwarten – ist natürlich ironisch gemeint.
Es geht nur um 500 Meter: von der Ausfahrt aus dem Antholzer Tal bis zur Einfahrt nach Olang. Dieses Straßenstück lässt das von Mobilitätslandesrat Daniel Alfreider groß angekündigte und mit viel Geld geförderte Anreisekonzept platzen wie Weißwürste in zu heißem Wasser.
Dabei hatte er ausdrücklich die Anreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln empfohlen und geprahlt: „Mobilität für alle bedeutet, einen klaren und gut zugänglichen Dienst zu organisieren.“ Man müsse aber die Anfahrtszeit bedenken. Alfreiders Tipp: Ab dem Bahnhof Olang-Antholz bis zur Biathlon Arena sollte man rund 1,5 Stunden einplanen.
Notabene: Mit dem Auto braucht man normalerweise weniger als 20 Minuten, um die 18 Kilometer zurückzulegen. Heute, werde ich später feststellen, hätten beinahe die von mir eingeplanten zwei Stunden nicht gereicht.
Als schließlich ein (!) Bus kommt, stürmen die Leute das Gefährt. Binnen 30 Sekunden platzt es aus allen Nähten, es wird geschoben und geschrien, wer einen Platz im Bus ergattert, hat es gut. Viele von denen hinter uns, und das weiß ich zu dem Zeitpunkt noch gar nicht, werden später den Start des Biathlon-Rennens verpassen.
Wir sind im Bus und können uns die Hilflosigkeit von Polizei und Organisa-
tionsteam vor dem Bahnhof nicht erklären. An der Kreuzung Pustertaler Straße/Antholzer Tal sorgen Ordnungskräfte für zusätzliches Chaos, indem sie scheinbar wahllos Wagen anhalten, auch Busse, andere weiterwinken, das Ganze hat etwas von einem Hühnerhaufen – ohne dem Federvieh nahetreten zu wollen.
Angekommen in Antholz-Mittertal, heißt es umsteigen, ein weiterer Bus bringt uns gerade noch rechtzeitig vor das Stadion. Ab hier sind es noch zehn Minuten zu Fuß, an einer Schleuse werden die Tickets und wir selbst durchgecheckt. Auf Waffen und Mineralwasser in Halbliterflaschen. Ist beides nicht erlaubt.
Einem kleinen Jungen wird eine Orange abgenommen, er könnte damit womöglich jemanden umbringen. Ihm kommen beinahe die Tränen. Absurd. Um Punkt 14 Uhr sind wir schließlich im Stadion, fünf Minuten später wird das Rennen gestartet.
Nun kann Olympia beginnen. Die Fans sind fantastisch – außer natürlich diejenigen, die noch nicht da sind –, die Biathleten sowieso. Giacomel rennt los, schnell wie immer, er schießt ein paar Mal daneben wie immer, aber er macht das mit den Skiern wett. Hofer tut es ihm gleich, obwohl er mit 36 nicht mehr der Jüngste ist. Auch er zielt zweimal nicht gut, aber bei der Mixed-Staffel kann man dreimal nachladen, keine Strafrunde also. Wierer und Vittozzi schießen dann besser, am Ende fehlen nur 26 Sekunden auf die Goldene. Doch Silber ist auch nicht schlecht. Für ein gutes Olympia-Feeling reicht das allemal.
Nach dem Rennen besuchen wir noch das Festzelt neben der Arena und das Gaudi-Dorf in Mittertal. Jetzt, am späten Nachmittag, geht es noch relativ beschaulich zu. Doch ich bin mir sicher: Zu späterer Stunde wird hier richtig ausgelassen gefeiert.
Gegen 17 Uhr treten wir die Heimreise an. Wieder Shuttle-Bus, wieder Zug. Die Details dazu erspare ich Ihnen an dieser Stelle, nur so viel: Weil der Pusterer Zug erneut Verspätung hat, verpassen wir den Anschluss in Franzensfeste – und müssen noch einmal eine halbe Stunde warten.
Mein Fazit: Das Biathlon-Rennen in der Arena war toll, die Stimmung auf den Rängen und in den Zelten und Buden auch. Aber: Die Logistik bis Antholz-Mittertal war, um es klar zu formulieren, eine Katastrophe. Acht Stunden An- und Rückreise für drei Stunden Olympia-Gaudi machen unserem Land keine Ehre. Das muss besser werden.
Viel besser!
Olympia unser
Das Winterspiel-Debüt in Antholz gelingt mit einer Silbernen und guter Stimmung. Die An- und Abreise hingegen gerät zum Fiasko.





