Es gibt politische Aussagen, von denen man sich wünscht, dass sie lang nachhallen. „Remigration ist Deportation“ ist so eine. Ob mit Absicht oder aus Gedankenlosigkeit, sie hat weniger nachgehallt, als sie es hätte müssen. Die Aussage getan hat Landeshauptmann Kompatscher am Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus, 27. Januar, an der Mauer des Bozner NS-Durchgangslagers.
Man wird schon anwesend gewesen sein müssen an dem kalten Jännertag an der Lagermauer, um die politische Wucht der Landeshauptmannrede mitzubekommen. „Remigration ist Deportation“, er sagte den Satz zweimal, und auch auf Italienisch. „Remigrazione è deportazione“.
Er muss sich der Ungeheuerlichkeit der Wörtergleichung sehr bewusst gewesen sein. Denn er sagte sie eingebettet in ein sehr persönliches Bekenntnis. Er sagte, er habe sich am Abend vorher, beim Zubettgehen, gefragt: „Tun wir genug? Facciamo abbastanza?“ Gemeint kann er nur haben, ob wir heute genug tun, um zu vermeiden, dass noch einmal geschieht, was Gegenstand dieses Tags des Gedenkens ist. Offenbar erkennt er in dem, was heute unter dem Begriff „Remigration“ läuft, ein Wiedererwachen jenes Unsagbaren. „Tun wir genug“, um dem zu wehren?
Kompatschers Gedenktagsrede war ein hochpolitisches Statement. Dass er es sagte, und wo er es sagte. Auf die mögliche Unverhältnismäßigkeit des Vergleichs angesprochen, sagte Kompatscher knapp: „Remigration ist Neusprech“, also ein Täuschwort. Im Zusammenhang: eine Bagatellisierung von Deportation.
Der Landeshauptmann sprach diese Worte an der Gedenkstätte der Naziverbrechen, während gleichzeitig der italienische Vizeministerpräsident Salvini in Schabs mit großem Trara die Pustertaler Bahnstrecke eröffnete. Eigentlich ein Pflicht- und Wunschtermin eines jeden Landeshauptmannes. Kompatscher hat Salvini stehen gelassen. Um an der Mauer des Gedenkens der NS-Verbrechen zu sagen, was das verharmlosende „Remigration“ heute bedeutet. Zu mahnen: „tun wir genug?“, war ihm wichtiger. Alle Achtung!
von Florian Kronbichler | Journalist, ehemaliger Chefredakteur der ff