Nachbarschaftshilfe ist eine schöne Sache. Sie ist rar in einer Gemeinschaft, in der der eine dem anderen oft gleichgültig oder gar mit Misstrauen begegnet. Fragen Sie mal nach in einem Kondominium. Misstraue dem Nachbarn, auch wenn du ihn nicht kennst: Das ist die Regel.
Dabei wäre Nachbarschaftshilfe der Treibstoff für den -sozialen Zusammenhalt. Und wird es in Zukunft noch mehr sein. Denn wie sonst wollen wir etwa alte Menschen versorgen, Kinder hüten, der Einsamkeit in den Städten begegnen, Bürgerinnen und Bürger integrieren. Nachbarschaftshilfe darf freilich nicht Sozialhilfe ersetzen, aber sie wird sie ergänzen müssen.
Da sind alle gefragt. In einer Gesellschaft, die ein anderes Arbeiten ermöglicht oder vielleicht gar ein wirkliches bedingungsloses Grundeinkommen einführt, könnten Menschen sich (noch) viel mehr einer Tätigkeit widmen, die sozial nützlich ist. Vielleicht ist das naiv gedacht, aber wer das meint, soll sagen, wie es sonst gehen könnte, all den Menschen, die Solidarität benötigen, ein würdiges Leben zu ermöglichen. Ein Leben, das Teilhabe ermöglicht.
Etwas anders als Nachbarschaftshilfe ist die Nachbarschaftskontrolle, bei der Menschen die Polizei „unterstützen“ – so wie in Meran geplant. Ein Bürgerkomitee, das im Fall von kleineren Delikten – oder auch nur dem Verdacht darauf – die Polizei einschaltet. Es gibt solche „Bürgerwehren“ oder wie immer man sie nennen mag, schon in 500 italienischen Städten. Bürgerinnen und Bürger spielen Polizei, die Polizei erlaubt es und überwacht es. Aber hat die Polizei, die schon jetzt über zu wenig Personal verfügt, ausreichend Leute die Hilfspolizei zu überwachen?
Und was wäre ein Vergehen, das gemeldet gehört? Wer entscheidet das? Kommen dann bei jeder Kleinigkeit die Ordnungshüter angebraust, etwa wenn ein Radfahrer den Gehsteig als Fahrbahn nutzt oder ein Betrunkener die Nachtruhe stört. In Bozen hat der Bürgermeister sich gerade über „undisziplinierte“ Radfahrer erregt, in einer Stadt, die vom Autoverkehr geplagt ist.
Sicherheit ist auch ein Gefühl,wie man in Südtiroler Gemeinden sieht, in denen die Kriminalität gegen null tendiert und man dennoch die Leute gewählt hat, die Südtirol zu einem unsicheren Land hochgeredet haben.
Nachbarschaftskontrolle kann, wenn Gefühle herrschen, schnell ein unfreundliches Instrument werden, das für Unruhe sorgt. Indem schnell jemand denunziert wird, der anders ist, der sich anders verhält, der nicht der -Biedermeier-Norm entspricht. Von gutgemeinter Nachbarschaftskontrolle zu Überwachung, vom besorgten Bürger zum Blockwart, ist nur ein kleiner Schritt. Die Überwachung in unserer Gesellschaft ist eh schon groß: fast kein Schritt mehr, ohne dass uns eine Kamera nachäugt.
Nachbarschaftskontrolle ist eine Fantasie der rechten Brüder und Schwestern, sie geben sich als Vertreter der Freiheit aus, misstrauen aber in Wahrheit den Menschen. Sicherheit aber gehört in die Hände von Polizei und Carabinieri, sie sind dafür geschult, und nicht in die Hände von privaten Komitees, und seien sie noch so offiziell, handverlesen und publikumswirksam von oben genehmigt und gefördert.
Deshalb: Solidarität statt Kontrolle.
