Es vergeht kaum ein Tag, an dem wir nicht über den Brain-Drain lesen. Parteien, Wirtschaftsverbände und nun auch eine Initiative der Südtiroler Psychologie-Studierenden – sie alle schlagen Alarm und machen den Begriff zum Dauerbrenner. Er wirkt inzwischen ähnlich inflationär wie das Wort Nachhaltigkeit. Ohne Frage: Es ist notwendig, dass wir uns mit der Abwanderung unserer Fachkräfte auseinandersetzen. Warum wandern 1.500 Südtirolerinnen und Südtiroler jährlich in deutschsprachige Nachbarländer ab? Warum kehren sie nicht mehr zurück?
Die Gründe sind bekannt: zu wenige und überteuerte Wohnungen, mangelnde Kinderbetreuung, zu niedrige Gehälter, zu schwache Karrierechancen. Dazu eine engstirnige Mentalität und – selbstverständlich – kein Großstadtleben. Der Handlungsbedarf ist groß. Viele möchten zurück, können es sich aber nicht leisten.
Der Handlungsspielraum ist aber auch begrenzt. Dessen müssen wir uns bewusst sein. Der Brain-Gain – also die Rückkehr oder Zuwanderung von Talenten – hat seine Grenzen. Manche Berufe brauchen eine Metropole, ein Ökosystem, eine Szene. So wird ein Modedesigner hier kaum Karrieremöglichkeiten finden, die ihm internationalen Erfolg bescheren. Genauso wenig ein Stardirigent oder Atomphysiker. Dazu kommt: Viele genießen und schätzen ihr Leben draußen in der Welt, auf der internationalen Bühne. Und das ist gut so. Wir sollten stolz darauf sein, dass dort so viele unserer Talente Karriere machen – in der Forschung, in der Medizin oder in einem multinationalen Konzern. Und wir sollten froh sein, dass sie die Neugier besitzen, sich auf Metropolen wie London, New York, Singapur oder Tokio einzulassen. Dass sie weltoffen genug sind, sich dort ein Leben aufzubauen, globale Netzwerke zu knüpfen.
Und vor allem: Seien wir dankbar, dass sie ihren Kontakten von Südtirol erzählen. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Die Heimatverbundenheit der Südtirolerinnen und Südtiroler im Ausland – das wird mir in Gesprächen mit den sogenannten „Südsternen“ immer wieder klar – ist beeindruckend.
Worauf ich hinauswill: Südtirols Talente sind weltweit gefragt. Stärken wir das. Halten wir den Kontakt und profitieren wir von ihrem Wissen und ihrem Können. Machen wir sie zu Botschafterinnen und Botschaftern unseres Landes. Und binden wir sie ein.
„On Fire“ hat am Freitag gezeigt, wie das gelingen kann.
152 Südtiroler Künstler und Sportlerinnen haben die Olympischen Winterspiele in Bozen willkommen geheißen – ein Mix aus Dagebliebenen und Weggezogenen. Sie haben in ihren Shows eindrucksvoll geliefert – vom Gesang über Tanz bis zur Akrobatik – und bewiesen, welche kreative Kraft entsteht, wenn man Talente zusammenbringt.
Vor allem aber – so bin ich überzeugt – hat der Abend manchem Fortgezogenen vor Augen geführt, dass sich seine Heimat entwickelt. Weiterentwickelt. Und das macht vielleicht auch Lust, irgendwann zurückzukehren. Zeigen wir also, was unser Land kann. Und nicht nur, woran es krankt.
In den kommenden zwei Wochen haben wir dafür die beste Gelegenheit. Internationaler geht’s kaum. Über 300 Medien werden täglich aus Antholz berichten. Die Bilder werden um die Welt gehen. Auch wenn das Image von Antholz vorerst leidet: Dass ausgerechnet eine Athletin aus dem Austragungsort positiv auf Doping getestet wurde, wirft einen Schatten – noch bevor die Spiele begonnen haben.
Leitartikel
Die Grenzen des Brain-Gains
Südtirol verliert seine Fachkräfte, doch längst nicht alle können und wollen zurück. Binden wir sie ein und profitieren wir von ihrer internationalen Expertise.
