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Mein Hüttl, der Kerker
8. Feb 2023 | ff 06/2023

Das Gefängnis in Bozen: Ach, unser ewig überfülltes Gefängnis! Um diese Jahreszeit finden der Reihe nach Eröffnungen von Gerichtsjahren statt. Landes-, Oberlandes-, Verwaltungsgericht, und der Rechnungshof ist auch eines: Jedes Gericht hat sein Jahr, und jedes leistet sich seine eigene Gerichtsjahr-Eröffnung. Dafür stauben die Richter ihre feierlichsten Roben ab, die roten mit den hermelinbesetzten Krägelchen, und tragen ihre Sündenlitaneien des Jahres vor. Die ewig gleiche Hauptsünde darin: das Bozner Gefängnis. Es sei überfüllt.

Ich danke für jedes Jahr, in dem der angekündigte (ich sage: angedrohte) Gefängnis-Neubau unverwirklicht bleibt. Denn es wird den Häftlingen darin schlechter gehen als im alten. Nichts ist dümmer als das Geschwätz vom „inhumanen“, „überfüllten“ Kerker von Bozen. Denn er ist beides weniger, als es die hochmodernen Gefängnisse anderswo sind. Und er ist das nicht obwohl, sondern weil er so unmodern ist.

Es ist mit den Gefängnissen gleich wie mit den Straßen. Je gerader, je breiter sie werden, desto mehr Verkehr produzieren sie. Die alte Hütte an der Bozner Dante-Straße ist auf 87 Betten ausgelegt und muss momentan 104 unterbringen. Na und? Trient in seinem pharaonischen, hygienisch cleanen, bis in die Kloschüsseln hinein videoüberwachten Neubau hat 240 Plätze und 318 Häftlinge. Überfüllung ist vorgesehen. Bozen ist dank seiner nicht vorgesehenen Veralterung das am wenigsten überfüllte Gefängnis Italiens.

Soweit die Wirklichkeit. Bozen, ich kenn mich ein bissl aus, ist unter erfahrenen Ganoven ein Geheimtipp. Wo nichts funktioniert, bedeutet Strafe oft Freiheit. Der Bozner Kerker ist wie eine Almhütte: amtlich unbewohnbar in jeder Hinsicht, aber von unwiderstehlicher Gemütlichkeit. Das Gefängnis von Trient: hygienisch 5-Sterne, mit der Atmosphäre eines ausgeschalteten Kühlschranks.

von Florian Kronbichler | Journalist, ehemaliger Chefredakteur der ff