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Die Angst vor dem Hund: Der tut doch nichts
Karin Köhl | 22. Jan 2025 | ff 04/2025

Manchmal frage ich mich, ob Hundebesitzer einen geheimen Schwur ablegen, bevor sie sich Leine und Leckerli zulegen. Einen Schwur, der besagt, dass sie beim Anblick eines offensichtlich angespannten Passanten fröhlich „Der tut nichts!“ rufen müssen – genau in dem Moment, in dem ihr zotteliger Vierbeiner wie ein Pfeil auf jemanden zurennt.

Ich gehöre zu diesen Passanten. Nein, ich bin nicht hysterisch, aber ich habe Respekt vor Hunden – besonders vor fremden. Respekt, der in Angst umschlägt, wenn mir ein laut kläffender Hund entgegenrast. Größe? Fast egal. Und das sage ich mittlerweile auch laut: „Bitte halten Sie Ihren Hund fest, ich habe Angst!“ Was passiert dann? Meist leider nichts. Keine verkürzte Leine, kein „Komm her!“. Stattdessen das ewige „Der tut nichts“.

„Der tut nichts“ ist so eine Sache. Es ist die Hundebesitzer-Version von „Das wird schon wieder“. Ein Satz, der beruhigen soll, aber oft das Gegenteil bewirkt. Denn wie oft hat „Der tut nichts“ am Ende doch gebissen? Hundeangriffe sind keine Seltenheit. Und es sind nicht nur Kampfhunde, die gefährlich werden. Und selbst ohne Biss: Warum fällt es manchen Hundebesitzern so schwer zu akzeptieren, dass andere Menschen Angst haben könnten? Angst ist irrational, ja. Aber sie ist echt. Wäre es wirklich so schwer, den Hund zurückzurufen, wenn jemand darum bittet?

Versteht mich nicht falsch: Ich mag Hunde. Aus sicherer Entfernung. Hinter einem Zaun vielleicht. Oder wenn ich sie irgendwann wirklich kenne. Aber ich mag auch meine persönliche Komfortzone, und die endet dort, wo ein fremder Hund mir ungefragt zu nahe kommt.

Also, liebe Hundebesitzer: Seien Sie die Helden meines Alltags. Halten Sie Ihren Hund zurück. Für mich. Für alle, die wie ich ein bisschen Angst haben – und für die, die sich nie trauen würden, es laut zu sagen. Denn manchmal ist es der Respekt vor der Angst, der den Unterschied macht.

Und wer weiß, vielleicht rufe ich dann eines Tages nicht mehr „Bitte halten Sie Ihren Hund fest!“, sondern überrascht: „Oh, der tut wirklich nichts.“

von Karin Köhl

Nachrichtenredakteurin bei Rai Südtirol und freie Journalistin